E-Gravelbike Bergamont E-Grandurance 2021 im Test

Testfahrt: Bergamont E-Grandurance. Frühlingsgefühle auf 35 mm

Unverhofft kommt oft, heißt es. Vielleicht hat der Mensch, dem dieser Spruch erstmals über die Lippen gekommen ist, einen Tag wie diesen erlebt. Der Kalender zeigt Mitte Februar, tiefster Winter. Davon völlig unbeeindruckt soll das Thermometer heute auf 17 Grad steigen. Plus, versteht sich. Die perfekte Gelegenheit für eine ausgedehnte Radtour! Mein Begleiter auf dieser Vorahnung des Frühlings ist das Bergamont E-Grandurance Elite.

Gegen neun reiße ich mich endlich vom Frühstückstisch los. Noch schnell ein wenig zu Futtern und anderen Krimskrams in die Rahmentasche für das Oberrohr geworfen, den Garmin am Vorbau eingeklickt und los geht’s. Es ist meine erste längere Tour – sowohl mit dem E-Grandurance als auch mit dem verbauten hier verbauten Fazua-Antrieb. Zu Beginn möchte ich mich erst einmal ans Bike gewöhnen und ein wenig Wärme in den Körper bekommen. Also fahre ich ohne Unterstützung los. Bis ich aus der Stadt raus bin, bremsen mich eh unliebsame Ampelphasen aus.

Bike-Setup für den Test mit dem E-Grandurance von Bergamont

Unser Bike-Setup für die Ausflüge mit dem E-Grandurance Elite von Bergamont: Rahmentasche am Oberrohr, kleine Sattelttasche, Fahrradnavi und Flaschenhalter mit Trinkflasche

Auch ohne Motor flott unterwegs

Auf Fahrradwegen mit Asphalt und modernem Pflaster rollt es locker flockig los. Zwischendurch checke ich, ob der Antrieb tatsächlich aus. Ja, ist er. Fühlt sich dennoch flüssig an. Allmählich verfliegt die restliche Müdigkeit. Stattdessen meldet sich die Lust auf ein oder zwei schnelle Antritte zwischen den Ampeln. Bis rechts an mir aus dem Nichts kommend ein etwas älterer Biker in entspannter Haltung vorbeisaust. An seinem hinteren Schutzblech …. ein Nummernschild. Ah, alles klar. Ein S-Pedelec auf Abwegen. Trotzdem ist die Lust auf einen Zwischenspurt plötzlich verflogen.

Unterwegs auf Asphalt mit dem E-Gravelbike Bergamont E-Grandurance

Unterwegs auf Asphalt in ebenem Terrain kommt ihr auch ohne Motorunterstützung besten zurecht.

Stadtauswärts steigt das Profil allmählich an. Der endende Radweg zwingt mich auf die Bundesstraße. Weiter vorn zeigt ein neunprozentiger Anstieg schon seinen Nacken. Am Fuße des Berges wartet heute auch noch eine Baustellenampel. Die Gegenfahrbahn ist blockiert. Ich stehe ganz vorn. Bestimmt zehn Autos hinter mir aufgereiht. Die werden sich entweder nach dem Grün an mir vorbeizwängen wollen oder fluchend mein Tempo nach oben in Kauf nehmen müssen. Ein guter Zeitpunkt, um den Fazua aufzuwecken. Einfach mal mit der zweithöchsten Unterstützungsstufe „River“ in den Anstieg hinein und schauen, was passiert. Die Ampel schaltet auf Grün, die LEDs am Schalter auf dem Oberrohr leuchten seit ein paar Sekunden bereits in der Farbe.

Auf dem Asphalt zu Hause

Das Auto direkt hinter mir braucht einige Meter, bis es wieder aufgeschlossen hat. Na, so viel Spritzigkeit hat wohl auch dich überrascht. Dank des Motors finde ich sofort einen vernünftigen Tritt. Bergauf vermeide ich ganz bewusst zu viel Einsatz. Straßenverkehr schließt ja auch langsamere Fahrzeuge mit ein. Dennoch scheint das Tempo hoch genug zu sein, damit ich niemanden auf den Kecks gehe. So entspannt habe ich jedenfalls die Kuppe noch nie erreicht.

Danach geht es überwiegend wellig weiter auf kleineren und größeren Straßen dahin. Besonders bergab fällt mir der Unterschied zu einem Gravelbike ohne E-Antrieb auf. Alles fühlt sich viel stabiler und gleichzeitig sehr geschmeidig an. Mit dem höheren Gewicht des Bikes erhöht sich meine Schwungmasse spürbar. Bei etwas mehr als 70 Kilogramm an Körpergewicht passiert da gewöhnlich nicht viel.

Keine Angst vor der Extra-Runde

Hinzukommt, dass die Geometrie des E-Grandurance sich enorm straßentauglich anfühlt. Bei der Größe L, mit der ich unterwegs bin, misst der Radabstand 1.058 Millimeter. Das verleiht den Lenkmanövern viel Sicherheit. Meine Position auf dem Rad wird zu keinem Zeitpunkt schmerzhaft. Ok, ich wechsle aus reiner Gewohnheit am Anstieg gern mal in den Wiegetritt. Aber auch ohne dem empfinde ich die Sitzposition als sehr entspannt. Das Ganze ist aufrecht genug, um alles um sich herum gut im Blick zu behalten. Sitzprobleme oder eingeschlafene Hände – Fehlanzeige. Bergamont hat diesbezüglich den Namen aus meiner Sicht berichtigt gewählt. Auf dem Bike lässt es sich lange und gut aushalten.

Nach flotten 25, 30 Kilometern sage ich dem Asphalt vorerst auf Wiedersehen und biege auf einen kleinen Feldweg ab. Herrlich abgeschieden. Die einzigen, die einem hier begegnen, sind vereinzelt Einheimische, die eine Abkürzung nehmen, und Traktoren. Von den Löchern und Unebenheiten der ausgefahrenen Wege kommt nicht sehr viel in den Handgelenken und an Hintern an. Anscheinend nimmt der Rahmen doch einen guten Teil der Vibrationen weg. Gegen den Geruch des Düngers, der mittlerweile in der Luft liegt, ist er jedoch machtlos.

Gutmütig über Stock und Stein

Auf Schotter und die Reste einer Betonstraße folgen Sand, Schlamm, aufgeweichtes Gras, Wurzeln und Steine. Die Tour führt jetzt in einen Nadelwald. Seicht ansteigend geht es hinauf zur höchsten Erhebung des Landes Brandenburg. Bei 201 Meter kommt der Titel „Berg“ einem kaum in den Sinn. Dem Namen nach ist der Heideberg immerhin ein solcher. Das Gelände um ihn herum bietet zu dieser Jahreszeit einige Überraschungen. Je nachdem, wie ausdauernd die Sonne bereits durch das Geäst gedrungen ist, wechseln trockene, gefrorene und angetaute Untergründe. Forstfahrzeuge haben mächtige Spuren hinterlassen, sodass es mich ab and zu ordentlich durchschüttelt. Dank des Navis lande ich hin und wieder auf echten Singletrails, die für etwa 100 Meter auch einmal fast Gebirgscharakter haben.

Unterwegs mit dem E-Gravelbike Bergamont E-Grandurance in unwegsamem Gelände

Dieses E-Gravelbike strahlt beim Test auch im unwegsamen Gelände viel Souveränität aus.

Dem E-Grandurance Elite scheint das wenig auszumachen. Laufruhig? Spurtreu? Stoisch? Keine Ahnung, was es am besten beschreibt. Das Bike reagiert einfach gelassen auf mein Tun. Geht es steil bergab, ist anfangs allerdings noch merklich Respekt da. Normalerweise wäre ich in solchem Terrain mit einem Mountainbike unterwegs – und damit in einer anderen Position auf dem Rad. Aber auch wenn die Hände ungewohnt weit vorn sind, um die Bremsen zu greifen, lässt sich das Bergamont gut in Balance halten. Klar, eine Federung und 2,5 Zoll breite Reifen ersetzt es nicht. Sobald ich aktiv mitarbeite, ist jedoch erstaunlich viel möglich. Bergan sowieso. Wenn bei mir die roten Lichter drohen, schalte ich einfach beim Fazua auf rot und rufe die maximalen 250 Watt ab. Im Rocket-Modus besteht die einzige Schwierigkeit eigentlich darin, die Power jederzeit kontrolliert auf beide Reifen zu bekommen.

Unterwegs im Wald mit dem E-Gravelbike Bergamont E-Grandurance

Fahren auf abgelegenen Waldwegen verdeutlicht, worin der Vorteil des Gravel-Bikens gegenüber zum Beispiel dem Rennradfahren liegt.

Viel Licht und ein wenig Schatten

Apropos Kontrolle. So richtig warm werde ich den ganzen Tag über nicht mit der Bedieneinheit des Evation-Antriebs von Fazua. Am E-Grandurance Elite ist im Oberrohr die fX Remote integriert. Sie reagiert auf eure Berührungen. Es braucht also keinen Tastendruck. Allerdings sieht die Einheit nach Tasten aus und ich will im Grunde stets richtig draufdrücken. Vielleicht ist das aus der Mode, aber mir wäre ein wenig Widerstand, ein schöner Druckpunkt, lieber. Jedes Mal, wenn es im Gelände hektischer wird, wünsche ich mir zudem eine Bedienung am Lenker. Ohne diese bleiben meine Hände im Sinne der Sicherheit im Zweifelsfall am Lenker und ich schaue, wie weit ich mit der gerade auswählten Unterstützung komme.

Bedieneinheit Fazua Remote fX am E-Gravelbike Bergamont E-Grandurance

Funktioniert einwandfrei und ist dennoch nicht ganz mein Fall: die Bedieneinheit Remote fX für den Fazua-Antrieb.

Reichlich Lob verdient dagegen die Reifenwahl von Bergamont. Irgendwie kehren die G-One Allround von Schwalbe je nach Untergrund stets eine andere ihrer Stärken hervor. Auf Asphalt sorgen die kleinen Noppen des Profils für keinen Unmut. Wird der Belag rauer, fällt der Unterschied im Rollwiderstand viel geringer aus. Wer mit Slicks auf dem Rennrad mal von einer glatten Oberfläche kommend auf geteertes Schmirgelpapier wechseln muss, weiß, wie plötzlich einem das die Laune vermiesen kann. Und auch im Gelände staune ich des Öfteren, wieviel Fahrkomfort auf eine Breite von 35 Millimeter passt. Solange kein endloser Wurzelteppich oder echtes Geröll drohen, lassen die Reifen eine Menge über sich ergehen. Nur im tiefen Schlamm ist das Profil überfordert und bringt euch zum Durchdrehen. Aber dahin verschlägt es einen mit einem Gravelbike ja eher selten.

Reifen Schwalbe G-One Allround im Test mit dem E-Gravelbike Bergamont E-Grandurance

Die Schwalbe G-One Allround passen hervorragend zur Vielseitigkeit des Bergamont E-Grandurance Elite.

Fast vergessen hätte ich beim Loben Schaltung und Bremsen. Shimanos GRX-Gruppe erledigt problemlos und zuverlässig ihren Job. Zugebenermaßen habe ich das nicht anders erwartet. Trotzdem ist es immer wieder schön zu realisieren, dass im Normalfall diese Komponenten einem nicht die Tour vermasseln werden.

Das alles geht mir durch den Kopf, während ich auf der Aufsichtsplattform des Heideturms meinen eigenen Akku mit wohlverdienten Kohlenhydraten auffülle. Irgendwo dort unten entspinnt sich auch mein Rückweg. Gleich mal checken, was das Thermometer denn nun tatsächlich zeigt. Wobei, die Sonne scheint mir warm ins Gesicht und scheint zu sagen: Ein paar Stunden Frühling schenke ich dir noch.

 

Bilder: Elektrofahrrad24

Ein Gedanke zu „Testfahrt: Bergamont E-Grandurance. Frühlingsgefühle auf 35 mm“

  1. Das Auto hinter Dir war ausschließlich davon überrascht, dass ein unzulässiges Fahrzeug auftaucht, dem es im öff. Verkehr niemals hätte begegnen dürfen.
    Es ist die allgem. Respektlosigkeit für Posingzwecke der Selbstgeilheit vorsätzlich mit einer eigene Art der Verkehrsteilnahme ohne Fzg.-Kennzeichnung und demgemäß zu erwartendem Verhalten aufzuwarten. Die Versicherung meines Unfallgegners beurteilte „grobe Fahrlässigkeit“ und verweigerte die Schadensregulation.
    Heute kann man von kaum einem Erwachsenen noch erwarten, dass er so viel Kinderstube mitbringt, zu kennzeichnen als was für ein Verkehrsteilnehmer er unterwegs ist und welche Rolle auf der Str. zu erwarten sei.
    Kürzlich kam mir auf dem Einbahnradweg ein als Lokomotive beleuchtetes Kraftrad entgegen – Alle außer mir halten das für selbstverständlich… Ich hab auch nur 2 Hartz4-Räder an Radweg-Missbraucher verloren (Totalschäden) und kann nun gar nicht mehr aufsatteln.

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