E-Fahrzeuge

Gilt schon jetzt: Garage auf, Auto raus, E-Bikes rein?

Inwieweit kann das E-Bike bereits heute im Alltag das Auto ersetzen? Dieser Frage sind WissenschaftlerInnen der Lund University in Schweden nachgegangen. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit Trivector Traffic, einem Consulting-Unternehmen, das auf Verkehr und Transport spezialisiert ist, fanden sie heraus, dass selbst Menschen auf das Fahrrad wechseln, die das Auto sehr intensiv nutzen. Ausschlaggebend dabei ist in großem Maße, welchem Zweck der Weg dient. Wer zur Arbeit möchte oder Freunde und Familie besucht, greift schneller zur umweltfreundlicheren Variante. Stehen dagegen der Gang zum Supermarkt, das Einkaufen im Allgemeinen und das Bringen und Abholen von Kindern auf dem Plan, wird das Auto eindeutig bevorzugt.

Auto-VielfahrerInnen als Untersuchungsgruppe

Interessanterweise haben die ForscherInnen Menschen untersucht, die häufig Auto fahren und aus Haushalten stammen, in denen zwei oder mehr Autos vorhanden sind. Sie wohnten meist in einer Entfernung von fünf bis 12 Kilometern zu ihrem Arbeitsplatz. Die Initiatoren der Studie entschieden sich ganz gezielt für eine solche Stichprobe, die eben nicht den gewöhnlichen Querschnitt der Bevölkerung widerspiegelt. Stattdessen interessierte sie, ob die Vorteile des E-Bikes selbst diese wenig fahrradaffine Gruppe dennoch dazu bewegen, ihr Reiseverhalten zu ändern.

Ein theoretischer Eckpfeiler der Untersuchung ist der Substitutionseffekt. Dieser Begriff stammt aus der Mikroökonomie und beschreibt das Phänomen, dass die Nachfrage nach einem Gut sich ändert, weil sich der relative Preis eines Gutes ändert. Bezogen auf das E-Bikefahren und das Autofahren lässt sich das in etwa so vereinfachen: Der Nutzen des E-Bikefahrens überwiegt plötzlich den des Autofahrens. In der Folge nutzen Menschen das E-Bike zur Erledigung von Wegen, für die sie bisher auf das Auto zurückgegriffen haben. Wie viele Wege werden aber defacto ersetzt? Welche Summe an zurückgelegten Kilometern kommt dabei zusammen? Dies sind Fragen, denen sich die WissenschaftlerInnen widmeten.

Auf diesen Wegen kann ein E-Bike ein Auto ersetzen

Zu diese Anteilen stimmten die Befragten zu, dass das E-Bike das Auto für verschiedene Reisezwecke ersetzen kann.

Kostenfrei mehrere Wochen auf E-Bikes unterwegs

Um der ganzen Sache auf den Grund zu gehen, standen ihnen 50 E-Bikes kostenfrei zur Verfügung. Anscheinend handelte es sich um mehr oder weniger „gewöhnliche“ Pedelecs, die einen Motor mit einer Leistung 250 Watt besaßen. Weitere Details wie Fahrradtyp, Reichweite der Akkus oder der allgemeine technische Zustand der Räder werden nicht erwähnt.

Die TeilnehmerInnen der Untersuchung wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Gruppe 2 diente als Kontrollgruppe für Gruppe 1. Beide Gruppen erhielten die E-Bikes für mehrere Wochen ohne jegliche Vorgaben. Ihnen wurde lediglich die Bedienung der Fahrräder erläutert. Benutzen konnten sie diese so oft sie wollten.

Zeitgemäße Datenerhebung

Bei der Erhebung der Daten beschritten die ForscherInnen Neuland. Nach Ihrem eigenen Wissen waren sie die Ersten, die für eine solche Untersuchung eine App und Smartphones nutzen. Standardmäßig beruhen die Berechnungen sonst auf den Selbstauskünften der TeilnehmerInnen. Zum Einsatz kam eine App namens TravelVu. Sie ist auf die Erfassung von Reisecharakteristika spezialisiert. Die Besonderheit ist ihr halbautomatisches Konzept. Die App greift auf die Sensoren der Smartphones zu und zeichnet so die Details der Fahrten mit den E-Bikes auf. Die Nutzer können jedoch die von ihnen zurückgelegten Strecken prüfen und bestätigen. Auf diese Weise wurde ausgesprochen zuverlässig das erfasst, was die Untersuchungsgruppen tatsächlich gefahren sind, was die Qualität der Studienergebnisse zusätzlich aufwertet.

Grundsätzlich gibt es mehrere Perspektiven, unter denen E-Bikes das Verkehrssystem beeinflussen können. Mögliche Auswirkungen beziehen sich auf Verkehrssicherheit, die Erreichbarkeit von Orten, die Entstehung von Staus, die körperliche und geistige Gesundheit der VerkehrsteilnehmerInnen, die Luftverschmutzung, der Lärm und die Wahl des Verkehrsmittels. In diesem Falle lag der Fokus auf dem Letztgenannten.

Vor- und Nachteile der E-Bike-Nutzung

Vor- und Nachteile des E-Bikes nach Meinung der TeilnehmerInnen. Dargestellt als Anteil der TeilnehmerInnen, die den jeweiligen Aspekt genannt haben.

E-Bike-Nutzung legt zu, Autonutzung nimmt ab

Und hier gelangte die Studie zu einigen ganz konkreten Ergebnissen. So stieg durch den Zugang zu einem E-Bike die Gesamtzahl der Fahrradfahrten im Durchschnitt um eine Fahrt und 6,5 Kilometer pro Tag und Person an. Eine Fahrt klingt relativ wenig. Dies entspricht allerdings einer Steigerung des Anteils der Fahrradfahrten um 25 Prozent. Der Anteil des Fahrrads an der mit allen Verkehrsmitteln zurückgelegten Gesamtstrecke erhöhte sich um 21 Prozent.

Parallel dazu waren die Menschen weniger oft und lang in ihrem Auto unterwegs. Die Anzahl der Autofahrten sank um eine. Dadurch legte jede Person täglich im Durchschnitt 14 Kilometer weniger mit dem Auto zurück. Das entspricht einem Rückgang 37 Prozent. Bei der Wahl des Verkehrsmittels reduzierte sich der Anteil des Autos um 21 Prozent. Unter dem Strich ging praktisch die gesamte Zunahme des E-Bikefahrens auf Kosten der Autonutzung. Folglich betrug der Substitutionseffekt nahezu 100 Prozent.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich in erster Linie die Fahrt zum Arbeits- oder Ausbildungsplatz und andere Einzweckfahrten für einen Umstieg auf das E-Bike eignen. Ein genereller Ersatz für das Auto ist das E-Bike jedoch noch nicht. Auf eine so lautende Frage antworteten die StudienteilnehmerInnen auf einer Skala von 1 für „nicht zutreffend“ bis 7 für „vollauf zutreffend“ durchschnittlich mit einer 4,1. Fahrten, bei den Gütern und/oder Personen transportiert werden, gelten beispielsweise derzeit noch als eine Domäne des Autos.

Vor und Nachteile des E-Bikes

Trotzdem äußerten sich die StudienteilnehmerInnen bei einer abschließenden Bewertung sehr positiv zum E-Bike. So sei es etwa einfach und bequem zu bedienen. Andere Äußerungen enthielten u. a. einige altruistische oder hedonistische Aspekte:

  • gut für die Umwelt
  • macht wacher und sorgt für Bewegung
  • gibt einem morgens frische Luft
  • macht Spaß und trägt zu erhöhtem Wohlbefinden bei
  • spart Zeit
  • vermeidet Staus und Parkplatzprobleme
  • spart Kosten

Daneben gibt es jedoch mehrere Faktoren, die verhindern können, dass die Menschen das E-Bike als Verkehrsmittel ihrer Wahl ansehen:

  • Regen, Wind und kaltes Wetter
  • Transport von Waren/Personen
  • Akku schwer zu tragen
  • Risiko eines Diebstahls
  • Zeitaufwändiger im Vergleich zum Autofahren
  • technische Probleme
  • hohes Gesamtgewicht
  • teuer in der Anschaffung

Vor- und Nachteile geben aus unserer Sicht die Wahrnehmung vieler Menschen durchaus zutreffend wieder. Sie zeigen auch, an welchen Stellen die Hersteller in den kommenden Jahren feilen müssen, damit E-Bikes noch mehr Fans in der Gesellschaft gewinnen.

 

Bilder: Söderberg f.k.a. Andersson, A., Adell E., Winslott Hiselius, L., 2021. What is the substitution effect of e-bikes? A randomised controlled trial. Transportation Research Part D 90 (2021) 102648

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