Sicherheit ist zweifelsfrei eines der Themen, denen sich E-Bike-Hersteller in den kommenden Jahren verstärkt widmen werden. Die Technologie erlaubt es inzwischen, effektive Systeme auf minimalem Raum am E-Bike zu installieren und über den E-Bike-Akku zuverlässig mit Strom zu versorgen. Ein zentraler Baustein in der Modelloffensive von Giant für 2026 ist zum Beispiel ein Radarwarnsystem. Der Schweizer Hersteller Viiala verfolgt dagegen einen anderen Weg. Er kündigt jetzt ein V2X-System für seine E-Bikes an. Bis die auf den Markt kommen, vergehen jedoch noch ein paar Jahre.
1. Nichts weniger als das ultimative Fahrerlebnis
2. E-Bikes vernetzt mit anderen Fahrzeugen und Infrastruktur
3. Spoke Safety denkt an Aftermarket-Lösung und direkte Integration
4. Rücksicht auf Fahrradfahrende fest im Bordsystem von Autos verankert
5. V2X-System für E-Bikes nur eine Frage der Zeit
1. Nichts weniger als das ultimative Fahrerlebnis
Viiala, von Ex-Stromer-Chef Tomi Viiala und François-Henri Bennahmias gegründet, startete im Spätsommer 2025 mit großen Worten. „Das erste Modell von Viiala erschließt eine neue, bisher unerschlossene Preisklasse oberhalb des heutigen Marktes. Es ist mehr als ein E-Bike, es ist ein Statement der Möglichkeiten – wo Technik, Ästhetik und Zweckmäßigkeit zusammenkommen, um das ultimative Fahrerlebnis für die Städte von heute und die Straßen von morgen zu schaffen.“ Laut Branchenmagazin Velobiz könnte die erwähnte „bisher unerschlossene Preisklasse“ eine Summe von rund 25.000 Euro bedeuten.
Da wäre das eine oder andere Alleinstellungsmerkmal sicher von Vorteil, um Interessenten zu einem Kauf zu bewegen. Wie es aussieht, soll sicheres Fahren eines davon werden. Deshalb hat Viiala nun eine Kooperation mit dem US-amerikanischen Unternehmen Spoke Safety verkündet. Deren V2X-System, sprich eine Lösung zur Kommunikation zwischen einem Fahrzeug und einem beliebigen anderen Objekt, soll Unfälle zwischen einem E-Bike von Viila und anderen am Straßenverkehr Teilnehmenden verhindern.

2. E-Bikes vernetzt mit anderen Fahrzeugen und Infrastruktur
Die eigenen E-Bikes sollen deshalb mit VRU2X von Spoke Safety ausgestattet werden. VRU steht im Englischen für „vulnerable road users“. Die Bezeichnung schließt alle Menschen ein, die am Straßenverkehr teilnehmen und dabei als besonders verletzlich gelten. Dazu zählen Personen, die mit dem Fahrrad fahren, zu Fuß gehen, einen E-Roller oder ähnliche Fortbewegungsmittel nutzen. Kurz gesagt, alle Personengruppen, die sich ohne den Schutz einer Karosse auf der Straße bewegen und deren Knautschzone damit null Millimeter beträgt.

Mithilfe von V2X-Systemen wie VRU2X werden diese Personen für Pkw, Lkw, Busse, Motorräder aber auch Ampeln, Verkehrsschilder und Baustellenabsperrungen digital sichtbar. Dafür werden alle genannten Objekte und zum Beispiel eben E-Bikes mit Chips ausgestattet. Mithilfe bestehender Mobilfunknetze können alle zum System gehörenden Entitäten miteinander kommunizieren. Befinden sich Fahrradfahrende und Fahrzeuge in ausreichender Nähe zueinander, können sie sich so wahrnehmen, selbst ohne direkt Sichtkontakt miteinander zu haben. Im Cockpit eines Autos und auf dem Display eines E-Bikes tauchen entsprechende Hinweise auf und warnen vor einer möglichen Gefahrensituation. Auf diese Weise sinkt die Anzahl von Unfällen mit den erwähnten besonders verletzlichen Personengruppen drastisch. Dies hoffen jedenfalls Viiala, Spoke Safety und alle anderen Firmen, die an derartigen Projekten mitwirken.

3. Spoke Safety denkt an Aftermarket-Lösung und direkte Integration
Mit Spoke Safety hat Viiala in jedem Falle einen kompetenten Partner an der Seite. Der Hersteller gilt als einer der Vorreiter auf diesem Gebiet. Bereits 2021 ging er eine erste Kooperation mit dem US-amerikanischen Technologiekonzern Qualcomm ein. Seit dem arbeitet Spoke Safety an V2X-Lösungen für verschiedene Marktteilnehmer. Nach eigener Aussage soll es das VRU2X-System künftig sowohl als Set für eine nachträgliche Montage geben als auch als Modul, das Hersteller von E-Bike-Systemen, Antriebsystemen sowie E-Bikes direkt in ihre Lösungen integrieren können.

Auf seiner Webseite beschreibt Spoke Safety seine Anwendung für E-Bikes als Modul, das vom E-Bike-Akku mit Strom versorgt wird und direkt mit der Steuerung des E-Bike-Systems kommuniziert. Ihr sollt später einmal die jeweiligen Funktionen im Rahmen einer App verwalten können. Dort erscheinen ebenso entsprechende Warnmeldungen. Alternativ soll dies zudem auf dem E-Bike-Display funktionieren.
Als potenzielle Abnehmer hat Spoke Safety auch Leasing-Anbieter im Auge. Diese könnten ihre Flotten mit der Technologie ausstatten – wahlweise nachträglich mit einem passenden Set oder in dem sie E-Bikes mit bereits integrierten Lösungen anbieten.

Nach jetzigem Stand könnte Spoke Safety VRU2X am ehesten ein Rücklicht werden. Dafür spricht die Tatsache, dass ein solches als Prototyp auf der Webseite zu sehen ist und bei mehreren Vorführungen in den zurückliegenden zwei Jahren zum Einsatz kam. Außerdem zeigt das der Pressemitteilung von Viiala und Spoke Safety beiliegende Bild ein ziemlich filigranes direkt in der Sattelstütze eingelassenes Rücklicht. Das fällt noch einmal deutlich kleiner aus als der erwähnte Prototyp, der vermutlich jedoch recht realistisch den derzeit erreichten Entwicklungsstand widerspiegelt.

4. Rücksicht auf Fahrradfahrende fest im Bordsystem von Autos verankert
Auf der Seite des Autos soll ein System wie das VRU2X ziemlich massiv in das Fahren eingreifen können. Erkennt es etwa, dass ein Auto auf eine Kreuzung fährt und dabei ist, einem Radfahrenden die Vorfahrt zu nehmen, bremst es zuvor selbstständig. Das Gleiche geschieht, falls beim Abbiegen nach rechts eine Kollision mit einem Fahrrad droht, das sich im toten Winkel genähert hat. Steht ein Auto dagegen in einer Parklücke, könnte das System die Autotüren auf der Fahrerseite blockieren, um so einen Dooring-Unfall zu vermeiden. Oder es verhindert das Herausfahren aus der Parklücke, falls die Autofahrenden das E-Bike im Rückspiegel übersehen haben.
Derzeit funktioniert das gegenseitige Erkennen wohl auf Entfernungen von rund 300 Meter. Nach Angaben von Spoke Safety meldet der in den Fahrzeugen verbaute Chip zehnmal pro Sekunde seine gegenwärtige Position. Bei Fahrgeschwindigkeiten von rund 50 Kilometer pro Stunde innerhalb von Ortschaften ergibt das ein Livetracking, das sehr effektiv wirken könnte.
5. V2X-System für E-Bikes nur eine Frage der Zeit
Viila möchte seine ersten Serienmodelle 2028 auf den Markt bringen – bereits mit einer V2X-Lösung. Angesichts des jetzigen Fortschritts erscheint dies durchaus erreichbar. Zum einen sind die Entwicklungen von Spoke Safety schon sehr weit gediehen. Zum anderen agiert Spoke Safety bei weitem nicht allein. Ein Teil der weltweiten Bemühungen zur finalen Produktion eines solchen Systems laufen in einer Kooperation namens Coalition for Cyclists Safety (C4CS) zusammen. Diese vereint seit ihrer Gründung 2023 Unternehmen aus der Automobil-, Fahrrad-, Telekommunikations- und Technologiebranche. Bei C4CS engagieren sich unter anderem Firmen wie Bosch, Shimano, Sram, die Accell Gruppe, BMC, Canyon, Gazelle, Riese & Müller, Specialized, Stromer, Trek und Velo de Ville. Natürlich ist auch Spoke Safety Miglied. Als solches arbeitet es neben Viiala auch mit dem Fahrradverleiher Bird zusammen. Und der testet zum Beispiel seit 2025 an einem Teil seiner Flotte in Denver das System von Spoke Safety.

Demnach gute Vorzeichen für Viiala sein Versprechen zur Integration eines V2X-Systems in seinen E-Bikes einlösen zu können. Jedoch gut möglich, dass andere Marken schneller sind.
Bilder: Spoke Safety, LLC; Viiala AG; The Coalition for Cyclist Safety



