Reden wir über neue Antriebssysteme für E-Bikes, kommt das Gespräch unweigerlich auf Avinox und Gobao. Beide haben in letzter Zeit massiv die Schlagzeilen bestimmt. Dabei geht schnell unter, dass auch bisher weniger prominente Hersteller in diesem Sommer mit interessanten Neuheiten aufwarten konnten. Eine davon ist das E-Bike-System BLM von SEG Automotive. In dessen Zentrum steht ein Mittelmotor, der zumindest auf dem Papier etablierten Einheiten wie dem Bosch Performance Line SX ernsthaft Konkurrenz machen kann.
1. Zweiter Antrieb in kurzer Folge
2. Mittelmotor mit kaum mehr als zwei Kilogramm
3. Mittelgroßer Akku für den SEG Automotive BLM
4. Bedienkonzept passend für Rennlenker
5. SEG Automotive BLM mit eigener App
6. System an unterschiedlichsten E-Bikes vorstellbar
1. Zweiter Antrieb in kurzer Folge
Schon 2025 trat SEG Automotive mit dem BMM 85 Hypershift auf der damaligen Eurobike auf. Der aus Stuttgart stammende Automobilzulieferer präsentierte eine Motor-Getriebe-Einheit mit einem elektrischen stufenlosen Getriebe – also genau das, was Avinox mit dem MG Concept und Gobao mit der X-Serie umgesetzt haben. Allerdings erhielt SEG Automotive dafür nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, die jetzt die chinesischen Mitbewerber auf sich lenken konnten.
Vielleicht wird das beim SEG Automotive BLM ja anders. Hinter den drei Großbuchstaben verbirgt sich ein komplettes E-Bike-System mit Motor, Akku, Displays, Bedienelementen und App. Im Gegensatz zum BMM 85 Hypershift verfolgt das BLM das Konzept eines typischen Mittelmotors. „Mit dem BLM haben wir ein Antriebssystem entwickelt, das die Kompaktheit eines Light-Motors mit der Leistung klassischer Full-Power-Antriebe vereint“, sagt Alexander Holp, Product Manager eBike bei SEG Automotive.
2. Mittelmotor mit kaum mehr als zwei Kilogramm
Tatsächlich handelt es sich bei dem Motor des BLM um einen ziemlich leichten Vertreter eines Mittelmotors. Er bringt gerade einmal 2,1 Kilogramm auf die Waage. Das sind 100 Gramm mehr als ein Bosch Performance Line SX. Ungewöhnlich ist die Tatsache, dass der Hersteller das Aggregat für den Betrieb in einem E-Bike-System befähigt hat, das wahlweise mit einer Betriebsspannung von 36 Volt oder 48 Volt arbeitet. Gewöhnlich fällt an dieser Stelle die Entscheidung für eine der beiden Möglichkeiten. Da der BLM beide Standards bedienen kann, ergeben sich entsprechend mehr Freiheiten bei der Kombination mit den übrigen Komponenten eines E-Bike-Systems.
Als Antrieb für ein Pedelec entwickelt, unterstützt euch der Motor bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Kilometer pro Stunde. Dafür leistet er im Dauerbetrieb die üblichen 250 Watt. Wird der Motor maximal belastet, erreicht er in der Spitze eine Leistung von 700 Watt. Die Energie, die ihr über die Pedalen beim Treten in das System gebt, vervierfacht es. Das bedeutet eine maximale Unterstützung von 400 Prozent. Um diese Werte auch tatsächlich abrufen zu können, braucht es allerdings ein sportliches Fahren mit einer entsprechend hohen Trittfrequenz. Diese sollte vermutlich bei 80 Umdrehungen pro Minute und mehr liegen. Das Drehmoment des SEG Automotive BLM endet nämlich bei 80 Newtonmeter.
Vor allem in Bezug auf das Drehmoment hat der Neuling gegenüber dem Bosch Performance Line SX einen spürbaren Vorteil. Seine 80 Newtonmeter sind 20 Newtonmeter mehr als beim Pendant von Bosch. Bei der Spitzenleistung hat der BLM 100 Watt mehr zu bieten. In puncto Unterstützung liegen beide gleichauf.

3. Mittelgroßer Akku für den SEG Automotive BLM
Dieser kleine Vorsprung dreht sich beim Blick auf die dazugehörigen Akkus ein wenig. Um den Gewichtsvorteil eines leichteren Motors am E-Bike spürbar werden zu lassen, setzen viele Hersteller auf einen leichteren Akku. Dieser bringt dann eine entsprechend geringere Kapazität mit. Im Falle des Bosch Performance Line SX bedeutet das zum Beispiel einen Bosch CompactTube mit 400 Wattstunden oder den neuen Bosch PowerTube 360. Ihr Gewicht beträgt jeweils 2,1 Kilogramm.
SEG Automotive setzt seine Prioritäten anders. Lieber mehr Gewicht, dafür aber größere Kapazität und höhere Reichweiten lautet das Motto. Mit einer Kapazität von 630 Wattstunden fällt der zum BLM gehörende Akku mindestens eine Nummer größer aus als die genannten Modelle von Bosch. Als Intube-Akku lässt er sich vollständig im Unterrohr integrieren. Ob das wahlweise entnehmbar oder ausschließlich fest integriert geschieht, geht leider aus den Unterlagen des Herstellers nicht hervor. Feststeht, dass die 3,2 Kilogramm des Akkus sein erwartbar höheres Gewicht darstellen.
Komplettiert wird die Akkulösung von einem Range Extender. Diesen können E-Bike-Hersteller an einem der Steckplätze am Sitzrohr oder am Unterrohr montieren. Mit einem Gewicht von rund einem Kilogramm bei einer Kapazität von 180 Wattstunden bewegt er sich in der Mitte dessen, was vergleichbare Zusatzakkus bieten. Mit beiden Akkus zusammen steht am Ende eine Gesamtkapazität von 810 Wattstunden für das SEG Automotive BLM zu Buche. Damit solltet ihr auch längere Touren in Angriff nehmen können. Welche Reichweiten sich konkret daraus ergeben, müssen erste Tests des Systems zeigen. Dann wird deutlich, wie viel Strom der Motor benötigt.

4. Bedienkonzept passend für Rennlenker
In einer ersten Vorstellung deutet vieles darauf hin, dass sich der Hersteller sein System vor allem wohl an E-Bikes vorstellen kann, die einen Rennlenker besitzen. Das Bedienkonzept basiert auf einem im Oberrohr integrierten Display und Bedieneinheiten, die sich nahe der Hoods am Lenker montieren lassen.
Das Display mit der Bezeichnung SEG BDI 20 hinterlässt einen soliden Eindruck. Sein Farbbildschirm misst zwei Zoll in der Diagonalen. Zu den Daten, die live während der Fahrt angezeigt werden können, zählen u.a. wesentliche Metriken wie:
- Fahrgeschwindigkeit
- aktueller Unterstützungsmodus
- Akkureichweite
- Leistungsabgabe
- Trittfrequenz
- von euch geleistetes Drehmoment
Darüber hinaus könnt ihr mobile Geräte wie Smartphones oder Fahrradcomputer an einer USB-C-Schnittstelle des Displays laden. Zu hohe Erwartungen solltet ihr aber wohl nicht in diese Funktion setzen. Mit 1.000 Milliampere fällt der Ladestrom eher bescheiden aus. Zum Vergleich: Ein Bosch Kiox 400C lädt immerhin mit einem Strom von 2.000 Milliampere.
Alle, die gern ein E-Gravelbike oder ein E-Rennrad mit dem SEG Automotive BLM sehen würden, wird freuen, dass der Hersteller Bedieneinheiten anbietet, die sich erreichen lassen, wenn ihr am Lenker die Hände auf den Hoods greift. Theoretisch zumindest. Nach dem Betrachten einiger Bilder können wir noch nicht einschätzen, ob die Bedieneinheiten nicht doch etwas zu weit entfernt sind, dass ihr mit dem Daumen dort herankommt. Zudem sehen sie recht massiv aus, was generell beim Greifen des Lenkers als störend empfunden werden könnte. Auch diese Details kann jedoch nur eine Testfahrt aufklären.
5. SEG Automotive BLM mit eigener App
SEG Automotive ergänzt sein neues E-Bike-System mit einer App. In der könnt ihr beispielsweise die Motorunterstützung für jeden der vier Fahrmodi Eco, Tour, Sport und Boost nach eigenem Belieben verändern. Innerhalb jedes Modus sind fünf Parameter einstellbar. Daneben zeigt die App alle allgemeinen Informationen zum E-Bike und dem E-Antrieb sowie Echtzeitdaten zur Fahrt, der Route und der Motorleistung. Wer möchte, kann seine Touren speichern, auswerten und mit anderen teilen.
Noch mehr Informationen gelangen in die App, wenn ihr sie mit Herzfrequenzmessgeräten verbindet, die Bluetooth Low Energy (BLE) nutzen. Danach erscheint während der Fahrt eure Herzfrequenz im Display und auf dem Smartphone. Zudem fließt sie in die Auswertung der Touren ein. Nach Angaben des Herstellers ermöglicht die Bluetooth-Schnittstelle sogar das Verbinden mit GPS-Fahrradcomputern von Garmin. Von denen könnt ihr die Navigation in die App von SEG Automotive übertragen. So erhaltet ihr auch Zugriff auf weitere Fahrstatistiken und Gesundheitsdaten.
6. System an unterschiedlichsten E-Bikes vorstellbar
Das Einsatzspektrum für den SEG Automotive BLM erscheint ähnlich breit gefächert wie für einen Bosch Performance Line SX. Diesen nutzen E-Bike-Hersteller in ganz verschiedenen E-Bike-Typen wie Light-E-Mountainbikes, Trekking-E-Bikes, E-Rennrädern, E-Gravelbikes und urbanen E-Bikes. Genau diese Gruppen sieht SEG Automotive als potenzielle Kandidaten für eine Integration. Vieles sei vorstellbar, von urbaner Mobilität über Trekking bis hin zu leistungsorientierten Anwendungen, bestätigt Alexander Puhahn, Leiter des Geschäftsbereichs eBike bei SEG Automotive.
Erste Belege dafür hat die E-Bike-Marke BH vorgestellt. Dort könnt ihr das E-Rennrad BH iRS1 und das E-Gravelbike BH iGravelX kaufen.
Offensichtlich glaubt SEG Automotive fest an den Erfolg des BLM. Schließlich schmiedet der Hersteller bereits konkrete Zukunftspläne für das System. So soll später eine Premium-Version des BLM 80 erscheinen. Bei der wird das Gehäuse aus Magnesium gefertigt sein, wodurch das Gewicht des Motors um 200 Gramm auf 1,9 Kilogramm sinken könnte. Ob es diese Version tatsächlich geben wird, bleibt abzuwarten. Zuvor muss erst einmal das „normale“ SEG Automotive BLM an genügend E-Bikes beweisen, was es kann.













