Zum Inhalt springen

Semi-Solid-State-Akku am E-Bike: Weltpremiere mit Ride1Up Revv1 Evo aus den USA

E-Bike Ride1up Revv1 Evo mit weltweit erstem E-Bike-Akku aus Semi-Solid-State-Zellen

Welche Akku-Technologie nutzen die allermeisten E-Bikes heutzutage? Lithium-Ionen-Zellen, genau. Nicht so das neue. In diesem Crossover aus E-Bike, Moped und Motorrad steckt erstmals ein Akku, der auf Semi-Solid-State-Zellen basiert. Laut Ride1Up ist es damit das allererste Serien-E-Bike dieser Art weltweit. Wir wissen von keinem Modell, das dieser Aussage widersprechen würde.

1. Ride1Up Revv1 Evo: Retro-Look trifft auf Hightech
2. Kapazität von über 1.000 Wh und serienreif
3. Lebensdauer mehr als doppelt so hoch?
4. Semi-Solid-State-E-Bike-Akku in zwei Stunden vollständig geladen
5. Deutlich temperaturresistenter als bekannte Lithium-Ionen-Akkus
6. Neues Ride1Up Revv1 Evo unmissverständliches Spaßmobil
7. Fahren mit Gashebel oder als reines Pedelec
8. Hintergrund: Was ist ein Semi-Solid-State-Akku?

1. Ride1Up Revv1 Evo: Retro-Look trifft auf Hightech

Ride1Up – die Marke dürfte in Europa weniger bekannt sein. Ihr habt vielleicht von ihr gehört, wenn ihr lange Sitzbänke, richtig breite Reifen, Scheinwerfer so groß wie ein Essteller und hoch aufragende geschwungene Lenker liebt. Stilistisch weckt das überabeitete Revv1 Evo Erinnerungen an das Urban Drivestyle Uni Viper oder dass Brekr F250. In den USA hat sich der Hersteller dagegen längst etabliert. Auch, weil sein Sortiment inzwischen viel breiter gefasst ist und von kompakten E-Bikes, über City-E-Bikes und Hardtails bis hin zu E-Gravelbikes reicht.

E-Bike Ride1up Revv1 Evo mit weltweit erstem E-Bike-Akku aus Semi-Solid-State-Zellen
Ride1up Revv1 Evo mit dem weltweit ersten E-Bike-Akku aus Semi-Solid-State-Zellen

Wie erwähnt, ist der bemerkenswerte Clou beim Neuling jedoch sein Akku. Seit Längerem wird versucht, die Technologie von Festköperakkus und Semi-Festkörperakkus auf E-Bike-Akkus zu übertragen. Bei Letzterem wurden in den zurückliegenden zwei Jahren erste Erfolge erzielt. So kündigte zum Beispiel Kalle Nicolai, Gründer und CEO von Nicolai Bicycles, im Oktober 2025 in einem Interview mit dem Magazin E-Mountainbike an, dass Redaktionen wohl im Herbst 2026 erste E-Bikes testen könnten, in denen eine Semi-Solid-State-Battery von Universal Transmissions verbaut sei. Universal Transmissions, ebenfalls geführt von Kalle Nicolai, arbeitet unter anderem an Antriebssystemen wie dem Helius Drive, das sich für so gut wie jede Form eines Light Electric Vehicle eignen soll.

2. Kapazität von über 1.000 Wh und serienreif

Ride1Up hat ein solches Vorhaben nun deutlich früher umsetzen können. Und das nicht etwa in einem Prototyp oder einer limitierten Serie von fünf Fahrzeugen, sondern in einem E-Bike, von dem mehrere Tausend Stück hergestellt und verkauft werden sollen. Laut dem US-amerikanischen Magazin Elektrek ist mit den ersten Auslieferungen im August zu rechnen.

Anhand der ersten Informationen zu dem Revv1 Evo lässt sich bereits erahnen, wie gravierend ein Wechsel zu Semi-Festkörperzellen unsere Erwartungen an einen E-Bike-Akku verändern kann. Der Energiespeicher erscheint mit einer Kapazität von 1.040 Wattstunden enorm groß. Leider gibt der Hersteller sein genaues Gewicht nicht an. Vermutlich fällt er allerdings deutlich leichter aus als ein herkömmlicher E-Bike-Akku auf Lithium-Ionen-Basis. Das Ride1Up Revv1FS, beinahe identisch zum Revv1 Evo ausgestattet, wiegt rund 42 Kilogramm. Rund zwei Kilogramm weniger soll das Revv1 Evo auf die Waage bringen.

3. Lebensdauer mehr als doppelt so hoch?

Neben dem geringeren Gewicht zählen eine längere Lebensdauer, ein schnelleres Laden sowie eine stabilere Leistungsfähigkeit in einem wesentlich breiterem Temperaturspektrum zu den großen Vorteilen des Semi-Solid-State-Akkus gegenüber den bisherigen E-Bike-Akkus. Bezogen auf den erwartbaren Lebenszyklus spricht Ride1Up zum Beispiel davon, dass es 1.200 komplette Ladzyklen bräuchte, bis der Akku spürbar an Kapazität verlieren würde. Elektrek vermutet, dass mit spürbar wohl ein Absinken unter die Grenze von 80 Prozent der ursprünglichen Kapazität gemeint sei. Wer einen solchen E-Bike-Akku drei- oder viermal pro Woche komplett auflädt, würde acht beziehungsweise zehn Jahren lang mehr als diese 80 Prozent nutzen können. Zum Vergleich: Standardmäßig deckt die Garantie eines E-Bike-Akkus heutzutage meist 500 Ladezyklen ab. Schon danach verfügt er in der Regel nur noch über rund 80 Prozent seiner ursprünglichen Kapazität.

Seitenansicht des E-Bikes Ride1up Revv1 Evo mit weltweit erstem E-Bike-Akku aus Semi-Solid-State-Zellen
Am Rahmen ist der Akku gut erkennbar. Ein langer Griff soll offensichtlich das Tragen erleichtern.

4. Semi-Solid-State-E-Bike-Akku in zwei Stunden vollständig geladen

Bei aller Freude über potenzielle 1.040 Wattstunden und der damit verbundenen Reichweite überschlagen manche von euch vielleicht gerade im Kopf, wie lange das Aufladen eines solchen Akkus dauern könnte. Nun, die Rechenarbeit können wir euch abnehmen. Es soll genau zwei Stunden dauern. Genau. Ein Akku. 1.040 Wattstunden. Zwei Stunden. Ja, das Ladegerät trägt mit einem Ladestrom von neun Ampere seinen Teil dazu bei. Dennoch bleibt die Zeitspanne erstaunlich kurz. Die entscheidendere Begründung liegt in der Leistungsfähigkeit der Zellen. Sie stecken ein solches Tempo ohne Nebeneffekte weg. Ride1Up rechnet damit, dass der Akku die Belastungen des Ladens ohne Leistungseinbußen meistert.

Bisher war die Nutzung von Schnellladegeräten immer mit einem gewissen „aber“ verknüpft. Die beim Ladevorgang entstehende Wärme bedeutet massiven Stress für einen E-Bike-Akku. Sie schädigt die Chemie der Zellen und kann die erwartbare Lebensdauer deutlich verringern. Erste Abhilfe hat hier die Gan-Technologie geschaffen, die zum Beispiel Avinox nutzt und Bosch für Ende des Jahres angekündigt hat. An das Ergebnis mit Semi-Solid-State-Zellen reicht aber auch sie nicht heran.

5. Deutlich temperaturresistenter als bekannte Lithium-Ionen-Akkus

Temperaturen spielen nicht nur während des Ladevorgangs eine Rolle. Als Umgebungstemperatur beeinflussen sie maßgeblich die Leistungsfähigkeit eines E-Bike-Akkus. Dies gilt vor allem, sobald die Temperatur unter den Gefrierpunkt fällt. Vielleicht habt ihr selbst schon die Erfahrung gemacht, dass bei null Grad Celsius und weniger gewöhnliche Lithium-Ionen-Akkus 40 Prozent und mehr ihrer Leistung einbüßen. Die Folge sind geringere Reichweiten. Und mehr Aufwand im Umgang mit dem Akku. Schließlich müsst ihr ihn unter Umständen extra an einem wärmeren Ort lagern und öfter als sonst aufladen.

Semi-Solid-State-Akkus sind ebenfalls temperaturfühlig, allerdings weniger stark. Ride1Up verspricht selbst bei Temperaturen von minus 20 Grad Celsius noch ungefähr 70 Prozent der eigentlichen Kapazität. Sollte sich das in der Praxis bewahrheiten, wäre das ein enormer Fortschritt. Verantwortlich für die gesteigerte Widerstandsfähigkeit ist in erster Linie der gelartige Elektrolyt im Inneren der Halbfestkörperzellen. In ihm verlangsamt sich der Stromfluss weniger auffällig als beim flüssigen Elektrolyten herkömmliche Lithium-Ionen-Zellen. Auch Hitze soll dieser Akku besser standhalten können.

6. Neues Ride1Up Revv1 Evo unmissverständliches Spaßmobil

Innerhalb des Sortiments von Ride1Up nimmt Revv1 als eigene Marke eine gewisse Sonderstellung ein. Auf seiner Webseite beschreibt der Hersteller die Zielgruppe als Personen, „die lauter leben und härter fahren“. Alle Modelle des Revv1 sehen sich ganz klar vom Motorrad inspiriert. Vollgas und Spaß gehören hier untrennbar zusammen. Die E-Bikes wollen „die Grenze zwischen Nützlichkeit und Adrenalin verwischen“.

Diese Beschreibung trifft voll und ganz auf das Revv1 Evo zu. Elemente von Cross-Motorädern aus den 1970er Jahren treffen auf den Look eines Beachcruisers. Dazu gibt es nicht nur Pedalen, sondern auch ein komplettes Federsystem. Die massive Upside-Federgabel bringt einen Federweg von 160 Millimeter mit. Der überarbeitete Mehrgelenker-Hinterbau verfügt über 90 Millimeter an Federweg. Typisch für ein solches E-Bike treibt ein Hinterradnabenmotor das Gefährt an. Er stammt von Bafang und generiert mit 100 Newtonmeter ein beachtliches Drehmoment. Aufgrund seiner Dauerleistung von 750 Watt steht jedoch jetzt schon fest, dass das Ride1Up Revv1 Evo in dieser Version nicht nach Europa kommen wird. Dafür entspricht der Motor einfach nicht den hiesigen Vorgaben.

E-Bike Ride1up Revv1 Evo mit weltweit erstem E-Bike-Akku aus Semi-Solid-State-Zellen in der Ansicht von schräg hinten
Auf der langen Sitzbank gibt es ausreichend Platz für zwei Personen.

7. Fahren mit Gashebel oder als reines Pedelec

Ausgeliefert werden soll das Bike als E-Bike der Klasse 2. Dies bedeutet, der Motor unterstützt bis zu einer Geschwindigkeit von 32 Kilometer pro Stunde, wobei sich ein Gashebel nutzen lässt. Alternativ lässt sich auf den Betrieb mit reiner Pedalunterstützung ohne Gashebel wechseln. Dann befindet sich das Revv1 Evo im Klasse-3-Modus und schaltet die Motorunterstützung erst bei 45 Kilometer pro Stunde ab. Trotz seines nicht unerheblichen Gewichts von ungefähr 40 Kilogramm erwartet Ride1Up Reichweiten 30 Meilen und 60 Meilen. Das entspricht einer Distanz von rund 50 Kilometer bis knapp unter 100 Kilometer.

Trotz des kraftvollen Motors und der Tatsache, dass wir über ein Full-Suspension-Bike reden, dürften viele eher an ein geruhsames Fahren mit dem Revv1 Evo denken. Dafür eignen sich 20 Zoll großen und mit vier Zoll auffällig breiten Reifen auch deutlich besser als für eine Tempojagd auf Singletrails. Gerade, wenn ihr auf der Sitzbank zu zweit unterwegs sein solltet, was angesichts der Länge der Bank bequem möglich ist. Die nötige Stabilität bringt der aus Aluminium gefertigte Rahmen auf alle Fälle mit. Ganz solltet ihr dann die Belastung aber nicht aus dem Auge verlieren. Denn mit etwas mehr als 180 Kilogramm fällt das maximal zulässige Gesamtgewicht trotzdem nicht übermäßig groß aus.

In den USA soll das Ride1Up Revv1 Evo im späten Sommer oder frühen Herbst auf den Markt kommen. Angekündigt ist ein Preis von 2.395 US-Dollar. Für das weltweit erste E-Bike mit einem Semi-Solid-State-Akku erscheint das beinahe ein Schnäppchen zu sein.

8. Hintergrund: Was ist ein Semi-Solid-State-Akku?

Stark vereinfacht ließe sich ein Semi-Solid-State-Akku als eine Zwischenstufe zwischen einem klassischen Lithium-Ionen-Akku und einem Festkörperakku bezeichnen. Alle drei Akkus können für den Stromfluss Lithium-Ionen nutzen, die sich zwischen einer Kathode und einer Anode hin und her bewegen – je nachdem, ob wir das Laden oder Entladen betrachten.

Vergleich des Aufbaus von herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus, Semi-Solid-State-Akkus und Solid-State-Akkus
Der Aufbau von Semi-Solid-State-Akkus vereint Merkmale von herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus (links) mit denen von Solid-State-Akkus (rechts).

Der wesentliche Unterschied liegt in dem Medium, in dem die Ionen dies tun. Bei einem herkömmlichen E-Bike-Akku auf Lithium-Ionen-Basis ist dies ein flüssiger Elektrolyt. Bei einem Festkörperakku, auch Solid-State Battery genannt, ist es ein fester Stoff. Und bei einem Semi-Solid-State-Akku handelt es sich folglich um einen semi-festen Elektrolyt, einen Mix aus einer festen Polymermatrix, die eine flüssige Komponente einschließt. Fachleute sprechen von einem Gel-Polymer-Elektrolyten, kurz GPE, welches offenkundig gelartige Eigenschaften besitzt. Es ist mechanisch stabiler als ein flüssiger Elektrolyt, dabei aber genauso leitfähig.

Typischerweise übertreffen Semi-Festkörperzellen Lithium-Ionen-Zellen herkömmlicher E-Bike-Akkus in Bezug auf die Energiedichte, das Tempo beim Ladevorgang sowie die Sicherheit. Ihr veränderte chemische Zusammensetzung äußert sich zudem in einer anderen Bauform. Semi-Solid-State-Akkus bestehen aus flachen, rechteckigen Zellen, die oftmals in Beutel gepackt sind und einem flachen, nicht zu großen Smartphone ähneln. Oder einer Tafel Schokolade. Wie ihr wollt. 😉 In den Zellen liegen dünne Schichten flach übereinandergestapelt. Im Fachjargon heißt dies Pouch-Format. Nach eigener Aussage hat Ride1Up den Akku des Revv1 Evo diversen Durchstoß-, Quetsch-, Hitz- und Kurzschlusstests unterzogen, um dessen Sicherheit zuverlässig zu prüfen.

Semi-Solid-State-Akkuzellen für E-Bike-Akkus von Welion
Bei Universal Transmissions hat man im Zusammenarbeit mit dem chinesischen Partner Welion Semi-Solid-State-Zellen entwickelt. Diese könnten noch in diesem Jahr in Akkus für E-Bikes zum Einsatz kommen.

Mit einem Festkörperakku lässt sich ein Semi-Solid-State-Akku jedoch nicht gleichsetzen. Dessen Eigenschaften weiche noch einmal deutlich von der Technologie ab, die nun erstmals am E-Bike zum Einsatz kommt.

Bilder: Ride1up, Inc.; Universal Transmissions GmbH; Beijing Welion New Energy Technology Co., LTD

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert