Insgesamt 19 Marken zeigten auf der Eurobike 2026 ein E-Bike mit einem Antrieb von Avinox. Laut Hersteller setzen inzwischen weltweit mehr als 60 Marken in ihren Modellen einen Avinox M1, Avinox M2 oder Avinox M2S ein. Um aus dieser Masse herauszustechen, braucht es eigenständige Ideen. Orbea hatte so eine. An seinem jüngsten E-Mountainbike für die Saison 2027, dem Orbea Wild LT, hat der Hersteller die Power des Avinox-Motors mächtig gedrosselt und ihm damit einem seiner größten Vorteile beraubt. Was manche nur den Kopf schütteln lässt, entpuppt sich als richtig cleverer Zug.
1. Orbea Wild LT: Für den Downhill geboren
2. Der passende Motor zur Wunsch-Kinematik
3. Mut zur Individualisierung
4. Variante vom Orbea Wild LT für Saison 2027 mit Avinox-Motor
5. Vernetzt ist besser
6. RS: Motor-Tuning mit Hintergedanken
7. Fazit: Orbea Wild LT 2027 ein spannender spanisch-chinesischer Mix
8. Einzigartigkeit hat seinen Preis
1. Orbea Wild LT: Für den Downhill geboren
Wie sein Name suggeriert, war das Wild eines der Bikes, mit denen Orbea bei denjenigen landen wollte, die den ganz wilden Ritt im Gelände bevorzugen. Nix Flow-Trail oder blaue Piste. Stattdessen stark verblockte Abfahrten, weite Sprünge und steilste Gradienten, bei denen die Höhenmeter nur so an euch vorbeirauschen.
Vom dazugehörigen E-Mountainbike erfordert das ein Federungssystem mit richtig viel Federweg an Hinterbau und Gabel. Das LT als Nachsatz für das Orbea Wild signalisiert genau das. LT steht im Englischen für „long travel“, also langer Federweg. Wie zum Beispiel die 170 Millimeter vorn und hinten am Orbea Wild LT. Wer möchte, kann bei der Federgabel das Ganze sogar noch auf 180 Millimeter erhöhen. Dazu gibt es 155 Millimeter lange – oder kurze, je nach Lesart – Kurbeln für ein möglichst effizientes Fahren bergauf. Außerdem ein Setup mit 29 Zoll großen Laufrädern, das sich in eine Variante mit einem kleineren 27,5 Zoll großen hinteren Laufrad ändern lässt.
2. Der passende Motor zur Wunsch-Kinematik
Beim Motor vertraut Orbea wie bislang beim Wild auf ein Aggregat von Bosch. Ach nein, falsch. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern steckt im neuen Wild LT ja ein Avinox M2S. Und ein ganz wesentlicher Grund für den Wechsel des Motors war – genau, der Wunsch, die Kinematik am Rahmen zu verbessern. Klingt nach einer komischen Begründung, hängt aber direkt miteinander zusammen. Mit dem Wechsel zum Avinox-Motor hat Orbea an dem Modell den notwendigen Platz gewonnen, den Hauptdrehpunkt am Hinterbau dorthin zu verschieben, wo man ihn gern haben wollte. Nach eigener Aussage etwas, das mit dem Baumaß und der Form eines Bosch-Motors wohl nicht umsetzbar gewesen wäre.
Alle, die sich im Bereich Enduro, Downhill, Gravity, wie auch immer ihr es nennen wollt, zuhause fühlen, werden wohl zustimmen, dass ein E-Bike in dem Segment vor allem bergab seine Qualitäten beweisen muss. Da spielt die Kinematik eine wesentlich größere Rolle als die Frage nach dem verbauten E-Bike-System. Das neue Federungsdesign am Wild LT sorgt für eine bessere Gewichtsverteilung. Die Gesamtheit aus dem Dämpfer und der Umlenkwippe kann niedriger im Rahmen positioniert werden. Zudem setzt Oberrohr extrem niedrig am Sitzrohr an und verringert so die Durchstiegshöhe deutlich. Orbea spricht davon, dass man mit dem neuen Hinterbau den Anti-Squat um 20 Prozent senken konnte. Das heißt, beim Beschleunigen sackt der Dämpfer weniger stark ein und muss danach auch entsprechend weniger ausfedern. Wenn ihr euch das als Verlauf einer Kurve vorstellt, konnte der Hersteller deren Verlauf abflachen. Es gibt weniger ausgeprägten Spitzen und Täler.
Während der Fahrt sollte sich das in einem Plus an Kontrolle und Agilität vor allem bei hohem Tempo niederschlagen. Ein noch größerer Teil des Gesamtgewichts des E-Bikes versammelt sich tief und zentral positioniert um das Tretlager herum. Entsprechend positiv überrascht zeigen sich zum Beispiel Testfahrer von der Kurvenlage des Neulings auch in dem Setup mit den großen Laufrädern. Und dank der Kombination aus niedrigem Oberrohr und langhubiger Sattelstütze könnt ihr euch auf dem Bike sehr agil bewegen.
3. Mut zur Individualisierung
Die Blaupause für die gewünschte Fahrcharakteristik – und auch die Optik – des Orbea Wild LT hat das Anfang des Jahres vorgestellte Orbea Rallon RS geliefert. Von dort wurden einige Einstellmöglichkeiten übernommen, mit denen sich die Geometrie des Wild verändern lässt. Dazu zählt unter anderem der Flip-Chip an der Dämpferaufnahme am Rahmen. Er erlaubt ein zusätzliches Absenken der Tretlagerhöhe um acht Millimeter. Dadurch liegt das Bike gewöhnlich noch satter auf dem Trail. Wer den Flip-Chip dreht, ändert im gleichen Zug sowohl Lenk- als auch Sitzwinkel um jeweils um rund einen halben Grad. Den Lenkwinkel könnt ihr aber auch gezielt mithilfe verschiedener Lagerschalen verändern. Diese liefert Orbea jedoch nicht standardmäßig zu den Modellen mit. Wer von euch mal die Rahmengeometrie des neuen Orbea Wild LT mit der des Vorgängers vergleicht, wird kaum große Unterschiede erkennen. Der Hersteller meint, die Geometrie für ein E-Mountainbike mit dieser Ausrichtung sei bereits stark optimiert. Man habe sich daher auf die Optionen zur Individualisierung konzentriert.
4. Variante vom Orbea Wild LT für Saison 2027 mit Avinox-Motor
Orbea hat natürlich nicht allein zum Avinox M2S gegriffen, weil der die passenden Abmessungen mitbringt. Vielmehr hatte man eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was man mit dem Motor anstellen wollte. Umsetzen ließ sich das nur, weil Avinox sein Einverständnis gab und Orbea auf die Firmware zugreifen ließ. Das eröffnete Möglichkeiten, die weit über das hinausgehen, was bei einer Integration des Antriebs mit dessen Standardkonfiguration passiert.
Auf dem Datenblatt fällt zuerst auf, dass Orbea dem M2S neue Grenzen verpasst hat. Im Orbea Wild LT leistet der Motor nur noch 750 Watt statt der üblichen 1.300 Watt. Beim Drehmoment bleibt es dagegen bei den bekannten 130 Newtonmeter. Wie der Hersteller mit der Unterstützung von 800 Prozent umgeht, konnten wir leider nicht Erfahrung bringen. An der Aufteilung in die vier Fahrmodi Auto, Eco, Trail und Turbo ändert sich nichts. Ebenso lässt sich weiterhin ein Boost-Modus kurzzeitig aktivieren. Der schenkt euch dann für begrenzte Zeit 1.300 Watt und 150 Newtonmeter.
Den Motor komplettiert Orbea mit dem großen 800 Wattstunden fassenden Akku von Avinox. Optional könnt ihr auch die kleinere Version mit einer Kapazität von 600 Wattstunden wählen. Beide Akkus integriert Orbea fest im Rahmen. Man wollte dessen Steifigkeit nicht durch die Öffnung im Unterrohr für eine mögliche Entnahme des Akkus unnötig limitieren.
5. Vernetzt ist besser
Den ersten Hinweis darauf, dass sich neben dem Absenken einiger Leistungsdaten noch mehr getan hat, gibt die eigene Bedieneinheit von Orbea am Lenker des Wild LT. Auf deren größter Einzeltaste sind die Buchstaben RS eingeprägt. RS steht für Rider Synergy. Hinter dem Kürzel verbirgt sich ein System, das neben allen Komponenten des E-Bike-Systems weitere Hardware-Komponenten des Fahrrades zu einem größeren Ganzen zusammenfasst. Der Ansatz ähnelt dem, was beispielsweise Giant mit dem Smart Gateway 2.0 umsetzt.
Im Falle von Orbea, im Falle von RS, bedeutet das, dass über CAN-Bus-Leitungen der Motor, der Akku, die Bedieneinheit, die gesamte Sensorik, der Dämpfer, die Sattelstütze und die Schaltung miteinander verbunden. Dabei geht es zum einen um die Energieversorgung. Der im Unterrohr integrierte Rahmenakku stellt den Strom für alle genannten Komponenten bereit. Zum anderen kommuniziert das gesamte System über die Kabel miteinander und tauscht Daten aus. So weiß zum Beispiel der Dämpfer, in welcher Position gerade die Sattelstütze ist. Dadurch kann auch er stets im korrekten Modus arbeiten.
6. RS: Motor-Tuning mit Hintergedanken
Mit RS betont Orbea stärker den unterstützenden Aspekt eines E-Bike-Systems. Es soll das Fahren mit einem E-Bike nicht dominieren, sich nicht mehr als nötig in den Vordergrund des Fahrerlebnisses drängen. Dafür hat der Hersteller die Sensorik am Avinox anders abgestimmt. Der Pedalwinkelsensor agiert fünfmal sensitiver als in der Standardeinstellung von Avinox. In der Folge spricht der Motor schon nach wesentlich geringerer Bewegung am Pedal an. Der Drehmomentsensor braucht nur die Hälfte des Inputs, der Sensor für die Trittfrequenz agiert dreimal so sensitiv.
Diejenigen, die ein Modell mit dem RS-Motor-Tuning bereits testen konnten, loben vor allem die Performance des E-Bikes an steilen Anstiegen. Erstens, weil es schneller und feinfühliger auf den Input der Fahrenden reagiert. Zweitens, weil sich die reduzierte Leistung als Vorteil erweist, der zu mehr Traktion und mehr Kontrolle führt. Mitunter sei es sogar schwierig, bergan ein sich durchdrehendes Hinterrad zu provozieren.
Ungeahnte Qualitäten als Bergziege
Mit der Verbindung aus der Maximalleistung von 750 Watt und dem Drehmoment von 1.300 Newtonmetern scheint Orbea einen Sweetspot getroffen zu haben. Das Verhältnis zwischen beiden Merkmalen bewirkt, dass man schon bei geringer Trittfrequenz viel Unterstützung erhält. Das zahlt sich am Berg gerade bei technisch sehr anspruchsvollen Stellen aus. Erst recht, wenn die Fahrsituation nicht genügend Platz für eine komplette Pedalumdrehung hergibt. Dann kitzelt selbst eine Viertelumdrehung dank der enormen Reaktionsfähigkeit so viel aus dem Motor heraus, dass ihr die Chance bekommt, mit beiden Füßen auf den Pedalen zu bleiben.
Bei einem originalen Avinox-Motor vergeht zwischen dem Input auf dem Pedal und der Reaktion des Motors deutlich mehr Zeit. Sicher auch mit dem Hintergedanken, dass, sobald er loslegt, da im Boost-Modus bis zu 1.500 Watt dahinterstecken. So abwartend braucht Orbea aufgrund seiner Drosselung einfach nicht zu sein.

7. Fazit: Orbea Wild LT 2027 ein spannender spanisch-chinesischer Mix
In der Summe lässt sich auf alle Fälle sehr gut nachvollziehen, was Orbea mit dem neuen Wild LT erreichen wollte. Von Avinox erhält man den kleinen Formfaktor des Motors, sein geringes Gewicht und Vorteile im Alltag wie das Schnellladen. All das hätte es so nicht bei Bosch gegeben. Und schon gar nicht bei Shimano, mit denen Orbea in der Vergangenheit ja sehr eng zusammengearbeitet hat. Selbst bringt der Hersteller seinen Wunsch nach einer besseren Traktion und einem knackigeren Ansprechverhalten ein. Die etwas größere Reichweite fällt da beinahe schon als Nebenprodukt einfach mit ab. Gepaart mit einer wirklich gelungenen Rahmensilouette und einem Gewicht von knapp unter 21 Kilogramm ist das in diesem E-Bike-Segment eine bemerkenswerte Ansage von Orbea.
8. Einzigartigkeit hat seinen Preis
Bei der Ausgestaltung der einzelnen Modelle mit ihren jeweiligen Ausstattungen hat sich Orbea mal wieder nicht lumpen lassen. Angesichts eines Preises von 13.499 Euro für das Top-Modell Orbea Wild LT M-LTD RS darf das dann aber auch erwartet werden. Dämpfer, Federgabel, Schaltung, Bremsen, Laufradsatz – alles ist auf höchstem Niveau. Hinzukommt die technische Einzigartigkeit des E-Antriebs, die ihr eben für den Moment nur am Wild LT erhaltet. Vermutlich ist dieser Fakt auch ein wenig mit eingepreist.
Zur Modellreihe gehören neben vier Ausstattungen mit Carbonrahmen auch weitere drei mit einem Aluminiumrahmen. Dort steigt ihr etwa mit dem Orbea Wild LT H20 bei deutlich günstigeren 5.599 Euro ein. Technisch bedeutet das natürlich den einen oder anderen Abstrich zu machen. Zum Beispiel nutzt Orbea an allen drei H-Modellen die Bedieneinheiten von Avinox und nicht die aus dem eigenen Haus. Das hat zur Folge, dass ihr die Sattelstütze auf Knopfdruck nicht auf eine voreingestellte Zwischenstufe absenken könnt. Auch das Wählen einer eigener Rahmenfarbe über das Individualisierungsprogramm Myo von Orbea ist hier nicht möglich. Rahmengeometrie, Kinematik und Antrieb sind dagegen identisch.
Orbea Wild LT 2027 im Überblick
- Modelle: Orbea Wild LT M-LTD RS, Orbea Wild LT M-Team RS, Orbea Wild LT M10, Orbea Wild LT M20, Orbea Wild LT H-Team, Orbea Wild LT H10, Orbea Wild LT H20
- Rahmen: Carbon, Aluminium
- Rahmengrößen: S, M, L, XL
- Federgabel: Fox 38 Float Factory 170 Grip X2, RockShox ZEB Base DebonAir+ 170
- Dämpfer: Fox Float X2 Factory Trunnion, Fox Float X2 Live Valve Neo Factory Trunnion (optional), Fox Float X Performance Trunnion
- Motor: Avinox M2S
- Akku: Avinox 800 Wh, Avinox 600 Wh (optional)
- Bedieneinheit: Orbea System Controller with eDropper Remote, Avinox BC100
- Display: Avinox DP100
- Antrieb: Sram XX Eagle AXS, Shimano XTR, Shimano XT, Shimano Deore
- Bremsen: Sram Maven Ultimate, Sram Maven Silver, Shimano XT, Shimano MT420, Shimano MT620
- Gewicht: ab ca. 21 kg
- Maximal zugelassenes Gesamtgewicht: ab 110 kg
- Preise: ab 5.599 Euro
Bilder: Orbea S. Coop. N.I.F.





















