Antriebssystem Watt Assist von HPS für E-Bikes

Leicht, leichter, E-Rennrad HPS Domestique Ekar

Hersteller lieben Superlative. Die bleiben bei den Menschen hängen. Für das Marketing braucht es keine außergewöhnliche Idee. Und nebenbei wird die Konkurrenz gekonnt ins Abseits geschoben. Hier kommt ein Superlativ, der eventuell auch bei euch auf Gegenliebe stößt. Denn eines muss man dem HPS Domestique Ekar lassen: Das leichteste Komplett-E-Bike klingt schon verdammt verheißungsvoll.

Tatsächlich könnte dieses Bike eine Tür aufstoßen, die bisher verschlossen schien. Ok, mit seinem Gesamtgewicht von 8,5 Kilogramm hat es dies eigentlich schon getan. Mit einem absolut fahrtauglichen E-Bike derart deutlich unter der Schallmauer von zehn Kilogramm zu landen, verdient großen Respekt. Das Besondere an diesem Bike ist jedoch, dass es kein hochgezüchtetes Sondermodell ist, dessen Entwicklungs- und Produktionskosten jenseits von Gut und Böse liegen. Es markiert den Auftakt einer regulären E-Rennrad-Modellreihe. Serienreif und mit 12.000 Euro enorm hochpreisig. Dennoch. Der Weg von hier bis zu einem für den urbanen Alltag tauglichen E-Bike, das komplett ausgestattet vielleicht zwölf, 13 Kilogramm wiegt, scheint gerade viel kürzer geworden zu sein.

E-Rennrad HPS Watt Assist Pro Domestique von HPS

E-Rennrad Domestique Ekar von HPS

Klein und leicht wie nie zuvor

Mit High Performance Systems (HPS) ist abermals ein eher unbekannter Akteur für die Belebung der Branche verantwortlich. Ein gänzlich unbeschriebenes Blatt ist HPS mit Firmengründer und CEO Harry Gibbings freilich nicht. Schon 2016 zeigte das Unternehmen ein ganz ähnliches Bike, damals noch unter dem Namen Typhoon. Zudem unterstützte es den Fahrradweltsportverband UCI zu dieser Zeit bei der Suche nach möglichem Motor-Doping im Rennsportzirkus.

Watt Assist nennt HPS seinen selbst entwickelten Antrieb. Das gesamte System bringt in seiner einfachsten Version rund 1,5 Kilogramm auf die Waage. Dazu zählen Motor, Akku, minimalistische Bedienelemente und weitere Elektronik. Ein dazugehöriges Display gibt es derzeit nicht.

Aufgrund der geringen Abmessungen passt der Motor in das Gehäuse des Tretlagers und den unteren Bereich des Sattelrohrs. Von dort führt ein zusätzliches Rohr zum Unterrohr. An ihm befindet sich die Aufnahme für den Akku. Dieser ist einer Trinkflasche nachempfunden und lässt sich ebenso leicht am Bike festmachen wie abnehmen. Durch das etwa 30 Zentimeter lange Extrarohr laufen übrigens die Kabel der Motorsteuerung.

Elektrischer Strom und Muskelkraft im Duett

Der im HPS Domestique Ekar verbaute Motor leistet dauerhaft etwa 200 Watt. In der Spitze schnellt dieser Wert für kurze Zeit auf 230 Watt hoch. Das reicht dann für ein maximales Drehmoment von 20 Newtonmetern. Jawohl, das klingt erst einmal nach ziemlich wenig. Zum einen ist der Effekt aufgrund der im Vergleich zu anderen E-Bikes viel geringeren zu beschleunigenden Masse aber ein anderer. Zum anderen ist dies genauso beabsichtigt.

Im Visier hat HPS mit seinem E-Rennrad nämlich erfahrene RadfahrerInnen. Entgegen so manch anderer Trends bleibt das Pendeln als Einsatzzweck hier ausdrücklich außen vor. Die Firma denkt vielmehr an ehemalige RennradfahrerInnen. An Menschen, die merken, dass die eigene Fitness nicht mehr ausreicht, um mit der bisherigen Gruppe mitzufahren. Und dank der elektrischen Unterstützung verliert man sich untereinander eben nicht aus den Augen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Auf alle Fälle kommt ihr bei diesem Bike nicht um euren eigenen Anteil herum. Selbst in der größten Version schiebt der Akku für gerade einmal drei Stunden künstlich an. Danach sind die 193 Wattstunden aufgebraucht. Beim Ladegerät handelt es sich anscheinend nicht um das schnellste. Laut HPS müsst ihr zwei Stunden für das vollständige Aufladen einrechnen. Die Devise lautet also, sich das Extra an Power klug einzuteilen.

Watt Assist Domestique als Antriebsystem von HPS für E-Rennräder

Ohne Navi im Blindflug unterwegs

Das gilt erst recht beim Blick auf die nochmals abgespeckte Version. Mit 85 Wattstunden ist der elektrische Vortrieb bei diesem Akku auf die klassische Spielfilmlänge von 90 Minuten begrenzt. Dafür radelt ihr dann aber auch nur noch mit zusätzlichen 720 Gramm durch die Gegend – also dem Gewicht einer gefüllten, großen Trinkflasche. Weiterer Vorteil: Aufgrund der limitierten Kapazität dürft ihr diesen Akku sogar auf Flugreisen mit euch führen. Auf das etwas ausdauerndere Modell trifft dies nicht zu. Dessen Gewicht beträgt übrigens 1,2 Kilogramm.

Vergleichsweise rudimentär hat HPS die Bedienung des Watt Assist konzipiert. In welcher Unterstützungsstufe ihr unterwegs sein möchtet, wählt ihr über zwei Tasten aus. Diese sind nahe des rechten Schalt- und Bremshebels unter dem Lenkerband versteckt. Im ersten Moment wirkt das ziemlich unübersichtlich. Schließlich bietet das System zwei verschiedene Modi mit jeweils mehreren Stufen. Im Peloton-Modus habt ihr sechs davon. Beim Attack-Modus ist das auf drei eingedampft. Entsprechend größer fallen die Leistungssprünge aus. Das Spektrum, in dem ihr euch dabei bewegt, ist jedoch identisch.

Für den nötigen Durchblick sorgt glücklicherweise die von HPS integrierte ANT+ Technologie. Über diese Schnittstelle verbindet ihr das Bike bequem ohne ein einziges Kabel mit einem Fahrradnavi von Garmin, Wahoo oder anderen. Dort erkennt ihr dann im Display den aktuellen Modus. Zudem hat der Hersteller angekündigt, künftig auch das Level der verbleibenden Akkukapazität dort anzugeben.

Idee geht über E-Rennräder hinaus

Diejenigen, die tatsächlich vom klassischen und auf dieses E-Rennrad umsteigen, treffen auf alt Bekanntes. Der in Irland handgefertigte Rahmen besteht aus Kohlefasern. Aus Carbon sind ebenfalls die windschnittigen Felgen des Laufradsatzes von Campagnolo gefertigt. Gleiches gilt für den Lenker von Deda. Etwas ungewohnt könnte für Einzelne lediglich die von Campagnolo stammende Ekar-Gruppe sein. Auf den Gravel-Einsatz ausgelegt, verfügt sie über lediglich ein Kettenblatt mit 44 Zähnen. Die insgesamt 13 Ritzel decken das Spektrum von neu bis 36 Zähne ab.

Wer von euch weniger mit Rennrädern anfangen kann, braucht nicht sofort wegklicken. Wie eingangs erwähnt, ist nicht nur das Fahrrad selbst, sondern vor allem sein Antrieb sehr vielversprechend. Naturgemäß sieht das der Hersteller genauso. Deshalb hat HPS neben der hier verbauten Version namens Domestique, weitere Ausführungen geplant. Vom Watt Assist solle es demnächst die Variante Gravier für Gravel-E-Bikes und Ville für urbane E-Bikes geben. Worin genau die Unterschiede zum Domestique bestehen werden, ist noch nicht im Detail bekannt. Immerhin gibt HPS auf seiner Homepage bekannt, dass Watt Assist Ville einen größeren und leistungsfähigeren Motor spendiert bekommt. Der soll vor allem auch bei Trittfrequenzen unterhalb der 80 Umdrehungen pro Minute ausreichend Durchzugskraft mitbringen. Dann könnt ihr es vermutlich auch gern etwas gemütlicher angehen.

Geplante Antriebsvarianten von HPS für E-Bikes

Geplante Antriebsvarianten von HPS

Unter welcher Marke später entsprechende E-Bikes auf dem Markt auftauchen werden, lässt sich jetzt noch nicht absehen. Fest steht, dass HPS sich auch als potentieller OEM ins Spiel bringt. Sie stellen in Aussicht, sowohl Kompletträder als auch zur Integration bereite Antriebssysteme zu liefern.

Wenn der Radsport vom Motorsport lernt

Knowhow für beide Optionen scheint ausreichend vorhanden zu sein. Schließlich tüftelt bei HPS von Beginn an jemand wie Gary Anderson mit. Jahrzehntelang hat er als Designer und Chefingenieur in den renommiertesten Automobilrennsportserien wie der Formel1 und der IndyCar gearbeitet. Wohl auch wegen ihm haben gerade aus dem Umfeld der Formel1 einige Techniker den Weg zu HPS gefunden.

In Bezug auf Materialtests sowie die Fertigung setzt die Firma stark auf Europa. Die Komponenten von Watt Assist als auch der Akku werden zu großen Teilen in der Schweiz und in Deutschland hergestellt. Der Rahmen stammt aus Irland. Finale Montage und Qualitätskontrolle erfolgen am Hauptsitz in Monaco. Beim vorgestellten HPS Domestique Ekar hält sich der Aufwand dafür noch in Grenzen, denn die Serie ist auf 21 Stück limitiert. Gut möglich, dass diese Zahlen in naher Zukunft in ganz andere Regionen ausschlagen.

 

Bilder: HPS SARL

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