Pressesprecher der Deutschen Verkehrswacht Heiner Sothmann

„Sobald Menschen im Straßenverkehr sterben, läuft es nicht gut.“

Wie ihr euch eine Fahrschule für E-Bike-Fahrende vorstellen könnt, hat Heiner Sothmann, Pressesprecher der Deutschen Verkehrswacht e. V. (DVW), im ersten Teil unseres Interviews geschildert. Heute wollen wir mehr über die Wirkung dieser Kurse wissen. Außerdem erklärt er, was ihr braucht, wenn ihr eine Teilnahme ins Auge fasst – und was nicht.

Viele Leute nehmen mit einem eigenen E-Bike an einem solchen Kurs teil. Spricht daraus ein gewisser Leichtsinn nach dem Motto: Ups, mit dem E-Bike komme ich gar nicht klar. Mache ich schnell noch einmal ein Sicherheitstraining?
Nein, Leichtsinn ist hier das falsche Wort. Wer ein E-Bike kauft und sich zu einem solchen Kurs anmeldet, ist mit Blick auf die eigene Verantwortung im Straßenverkehr bereits einen Schritt weiter als andere Verkehrsteilnehmende. Von der Idee, vor dem Kauf eines E-Bikes verpflichtend einen Fahrkurs zu absolvieren, halten wir nichts. Den Bedarf haben gar nicht alle. Sie raten ja auch keinen Fußgängern oder ÖPNV-Nutzern, sie sollten eine Schulung machen, bevor sie mit dem Bus fahren. Im Vorfeld sind neben uns Institutionen wie der Fachhandel gefragt, um aufzuklären und über Probefahrten gewissenhaft an das Thema heranzuführen. Dies ist sicher die bessere Fahrradförderung.

Parkour einer E-Bike-Fahrschule

Parkour einer E-Bike-Fahrschule

Gibt es eigentlich verlässliche Zahlen, was eine E-Bike-Fahrschule bewirken kann?
Nein, die gibt es leider nicht. Zum Beispiel lässt es sich nicht abbilden, wie viele der Teilnehmenden unserer Kurse danach unfallfrei fahren. An sich natürlich absolut schade. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, so etwas zu erheben, wäre das ein tolles Argument für unsere Arbeit. Gleichzeitig ist so ein Angebot kein Allheilmittel. Sie können direkt nach einem Kurs auf der Fahrt nach Hause von einem Auto angefahren werden, weil der Fahrende den Schulterblick vergessen hat.

Wäre es zielführend eine Prüfung zu etablieren, weil dies sich später nachhaltiger in den Unfallzahlen niederschlagen würde?
Ein zusätzlicher Leistungsdruck wäre aus unserer Sicht kontraproduktiv. Zumal das nach jetzigem Stand auch keine Konsequenzen hätte. Die bloße Aussage, dass jemand schlecht E-Bike gefahren wäre, würde in erster Linie demotivierend wirken. Wir bringen dann lieber ein weiteres Angebot ins Spiel, wenn wir einen gewissen Nachholbedarf bemerken. Oder wir geben Tipps, wie jemand eigenständig Dinge üben kann. Das ist in der Vermittlung deutlich besser, als zu sagen, ohne diesen Schein geltet ihr als unsichere Fahrradfahrer. Es ist ja durchaus vorstellbar, dass jemand ohne bestandene Prüfung dennoch auf das E-Bike steigt, sich selbst aber ohne erfolgreichen Test noch unsicherer fühlt. Die Psychologie darf man dabei nicht außer Acht lassen.

Für 2020 weist die Statistik steigende Unfallzahlen bei E-Bikes auf. Ist das ein Zeichen für eine unzureichende Prävention in Deutschland?
Sobald Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen, läuft es nicht gut. Ganz unabhängig davon, wie viele das sind. Die Verkehrswacht verfolgt die Vision Zero, sprich das Ziel, dass niemand im Straßenverkehr stirbt. Das ist sehr idealistisch, dennoch wollen wir irgendwann dahin. Leider haben wir derzeit das Phänomen, dass die E-Bike-Fahrenden die einzige Gruppe unter den Verkehrsteilnehmenden ist, bei der die Unfallzahlen dramatisch steigen. Für uns bedeutet das, dass wir nicht lockerlassen dürfen, noch stärker in die Fläche gehen müssen. Das gilt aber für alle Akteure, die den Fahrradverkehr fördern. Zwar erhöht sich mit steigender Verkehrsleistung auch immer das Unfallrisiko. Die Aufgabe ist es aber, ins Detail zu gehen und zu klären, ob es nur an der größeren Anzahl der Verkehrsteilnehmenden liegt oder speziell an den Fahrzeugen oder dem Verhalten der Fahrenden. Ein höheres Verkehrsaufkommen ist für uns also das Signal, dass wir noch mehr tun müssen, um dem negativen Trend entgegenzuwirken.

Wie sehr behindert Sie dabei gerade die Coronapandemie?
Auf alle Fälle führt sie aktuell zu einem enormen Missverhältnis. Der Bedarf ist so hoch wie nie zuvor. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen und ähnlicher Bestimmungen arbeiten wir jedoch nur sehr eingeschränkt, da unsere Tätigkeit auf Veranstaltungen und dem direkten Kontakt mit den Menschen basiert. Das findet einfach nicht statt.

Rechnen Sie mit einer steigenden Nachfrage für die Fahrschulen, sobald die Coronapandemie im Griff ist?
Ja, eindeutig. Im letzten Jahr haben viele Menschen das Fahrradfahren für sich wieder neu entdeckt. Zudem vermeldet der Handel ja einen Verkaufsrekord nach dem anderen. Je mehr Leute sich ein E-Bike zulegen, desto mehr werden auch nach einem solchen Kurs Ausschau halten. Wir investieren viel, um unsere Angebote diesbezüglich auszubauen. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als die Situation, dass jemand etwas für seine Sicherheit und die der anderen tun möchte, aber kein passendes Angebot findet.

E-Bike-Fahrschule

Mit dem Wegfall der Kontaktbeschränkungen rechnen Anbieter wie die Deutsche Verkehrswacht mit einem großen Interesse an E-Bike-Fahrschulen

Wenn es dann wieder möglich ist, wie viel Zeit sollte ich für einen solchen Kurs einrechnen?
Ein Tag genügt. Die genaue Dauer variiert und hängt zum Beispiel von der Anzahl der Teilnehmenden ab. Ein paar Stunden dauert das schon. Vor Ort haben die Moderierenden natürlich einen gewissen Spielraum. Einige gehen auf einen Übungsplatz. Andere gehen nach den Grundlagen in den Stadtverkehr hinein. Wenn die Moderierenden merken, dass der Wissenstand der Gruppe das erlaubt, startet der gesamte Kurs durchaus auch eine kleinere Tour. Das braucht dann ein wenig mehr Zeit, wird miteinander vorher aber offen abgestimmt.

Sind die Angebote der DVW eigentlich kostenpflichtig?
Nein, bei der Verkehrswacht sind diese Fahrschulen kostenfrei. Das liegt zum einen an der Förderung durch den Bund und zum anderen an unseren ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.

Brauchen Interessierte zwingend ein eigenes E-Bike oder bekommen sie eines vor Ort gestellt?
Viele unserer Moderierenden bieten E-Bikes für die Kurse an. In der Regel wird das bei der Anmeldung bereits abgefragt, sodass vorher feststeht, wie viele Teilnehmende ein E-Bike benötigen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Sothmann.

 

Bilder: Deutsche Verkehrswacht e. V.; Pressedienst Fahrrad / Luka Gorjup

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