In den vergangenen drei, vier Jahren haben E-Bikes einen enormen Schritt nach vorn getan. Leichte urbane E-Bikes mit einem tiefen Einstieg, die deutlich unter 20 Kilogramm wiegen, sind allerdings immer noch rar gesät. Eines der wenigen aktuellen Modelle ist das Desiknio Oxytocin. Gut ein Jahr nach dessen Vorstellungen konnten wir das Modell jetzt über mehrere Wochen hinweg ausführlich testen. In der Zeit hat das Oxytocin zahlreiche Pluspunkte sammeln können. Mit manchen Details sind wir jedoch bis zum Ende nicht warm geworden.
1. Wenn das E-Bike zu dir spricht
2. Desiknio Oxytocin: Flüstern statt fahren
3. Urbanes E-Bike leicht zu fahren und leicht zu tragen
4. Desiknio Oxytocin überzeugt im Test mit dezenter Bedienung
5. Schmal und griffig
6. Hochwertige Kontaktpunkte für dauerhaften Fahrkomfort
7. Desiknio Oxytocin kein vollumfängliches City-E-Bike
8. Test zeigt hakeliges Schalten
9. Nachteile eines E-Bikes „von der Stange“
10. Testfazit: Gern mehr Tiefeinsteiger wie das Desiknio Oxytocin
1. Wenn das E-Bike zu dir spricht
Ganz allgemein gilt das E-Bike – auch im Fachgeschäft – als eher komplexes Produkt. An ihm gibt es viel zu entdecken und damit viel zu erklären – vom Motor über die Bedienung des Systems bis hin zu modernen smarten Features und den Umgang mit der App. Gleichzeitig kann ein E-Bike so einfach sein, dass man schon beim ersten Fahren nach ein paar Pedalumdrehungen das Gefühl bekommt, es zu verstehen. Als ob es zu einem sprechen würde. Wenn bereits ein paar hundert Meter genügen, auf denen es dir vermittelt: Das bin ich. Das kann ich. Dafür wurde ich erschaffen.
Auf dem Desiknio Oxytocin haben wir genau einen solchen Moment erlebt. Eine erste Straße. Ein erster sanfter Anstieg. Ein Abbiegen und erneutes Beschleunigen. Eine erste Begegnung mit glattem Asphalt. Danach lag der Charakter des E-Bikes offen vor uns. Wieso? Es fuhr flüsterleise, zog zügig an, ließ sich auffallend leichtgängig steuern und uns unglaublich schnell vergessen, dass wir auf einem Tiefeinsteiger unterwegs waren.
2. Desiknio Oxytocin: Flüstern statt fahren
Tatsächlich ist dieses urbane E-Bike aus unserer Sicht ein echtes Geräuscherlebnis. Vom Fahrrad selbst hört ihr nichts. Dafür nehmt ihr bestens wahr, was um euch herum passiert. Kaum ein anderes E-Bike nimmt sich ähnlich stark zurück. Offenbar hat Desiknio bei der Verarbeitung ganze Arbeit geleistet und den Hinterradnabenantrieb von Mahle hervorragend integriert. Vom Motor, dem Mahle X30, ist selbst unter Belastung in der höchsten der drei mit Grün, Orange und Lila gekennzeichneten Unterstützungsstufen kaum ein Surren zu vernehmen. Zudem macht sich an der Stelle bezahlt, dass der Hersteller einen Carbonriemen statt einer klassischen Fahrradkette verbaut.

Der Riemen verbindet den Motor im Hinterrad mit der Getriebenabe im Tretlager. Während unseres Tests haben wir die neun Gänge des Getriebes mit seiner Übersetzungsbandbreite von 568 Prozent nicht ansatzweise ausgereizt. Dazu müsst ihr wahrscheinlich im Gebirge wohnen oder auf eine Tour dorthin mit dem Oxytocin aufbrechen. In jedem Fall könnt ihr Schaltung und E-Antrieb zusammen so miteinander kombinieren, dass sich zwischen kinderleicht und enorm schweißtreibend in jeder gewünschten Anstrengung fahren lässt.
3. Urbanes E-Bike leicht zu fahren und leicht zu tragen
Apropos leicht. Die rund 16 Kilogramm, die das Desiknio wiegt, haben wir beim Fahren deutlich wahrgenommen. Beziehungsweise das Fehlen der übrigen Kilogramm, die andere urbane E-Bikes auf die Waage bringen. Mit dem Drehmoment von 45 Newtonmetern, die nicht am Hinterrad anliegen, sondern ein Vergleichswert zu einem Mittelmotor sein sollen, reißt der Mahle X30 nicht unbedingt Bäume aus. Trotzdem prescht ihr mit der passenden Übersetzung zügig von der Ampel los. Die Gesamtrechnung aus leichtem E-Bike und moderater Unterstützung geht unserer Meinung hier voll auf.
Das geringe Gewicht bedeutet außerdem, dass sich das Modell gut tragen lässt. Hinauf in die Wohnung, hinunter in den Fahrradkeller – wohin auch immer. Ob nur für ein sicheres Abstellen oder einfach das Laden des fest im Rahmen verbauten Akkus, die Notwendigkeit zum Tragen ergibt sich gerade im urbanen Umfeld recht schnell.
Der Hersteller hat dies mitbedacht und eine kleine Strebe im Rahmen oberhalb des Tretlagers als Griff integriert. Diese finden wir optimal platziert. Wer statt gewöhnlichen Händen richtig große Pranken besitz, kommt eventuell etwas schwer in die Rahmenöffnung hinein. Bei uns ging das stets ohne Verletzungen ab. 😉 Beim Tragen ist das Oxytocin wirklich gut ausbalanciert. Ihr bekommt den Schwerpunkt so zu fassen, dass kein Übergewicht vorn oder hinten ständig korrigiert werden muss. Sowohl Stufen hinaus als auch hinunter ließen sich gut bewältigen.

4. Desiknio Oxytocin überzeugt im Test mit dezenter Bedienung
Mit seinen klaren Linien und der einfarbigen Lackierung im erfrischenden Purple Love oder der unvermeidbaren dunklen Alternative Black Harmony empfinden wir das Desiknio Oxytocin auf eine angenehm unaufdringliche als Weise schick. Dieses schlichte Auftreten spiegelt sich in einem dezenten Bedienkonzept wider. Ein großes Display oder Ähnliches sucht ihr vergeblich. Die Mahle Duo Remote am Lenker und die Mahle iWoc-Bedieneinheit im Unterrohr genügen völlig, um die wichtigste Funktion eines jeden E-Bikes zu ermöglichen – das Fahren. Dazu teilt euch die Mahle iWoc mit, welche Unterstützungsstufe gerade gewählt ist und über wie viel Kapazität der Akku noch verfügt. Ihr Farbe signalisiert den Fahrmodus. Und anhand der Länge des Farbbalkens könnt ihr abschätzen, wann es Zeit zum Aufladen wird.
Die Länge des Balkens solltet ihr durchaus im Auge behalten. Schließlich zählt der Akku mit 236 Wattstunden nicht zu den größten seiner Art. Auf eher flacherem Terrain und einer Strecke von 16 Kilometern bis 20 Kilometern pro Tag sind wie mit einer Akkuladung jedoch problemlos durch die Arbeitswoche gekommen.
5. Schmal und griffig
Wechselndes Wetter während des Testzeitraums bot gute Voraussetzungen, ein umfassendes Bild davon zu bekommen, was die Bereifung von Pirelli zu leisten vermag. Unter dem Strich waren wir von deren Performance wirklich angetan. Mit 35 Millimetern sind die Cinturato Gravel H ja eher schmal gewählt. An vielen anderen urbanen E-Bikes begegnen euch Reifenbreiten von 50 Millimeter und aufwärts. Dennoch bieten die Pneus einen guten Grip. Zudem komplettieren sie das schlanke Gesamtbild des Oxytocin. Vor allem im Regen hinterließen sie einen überraschend starken Eindruck. Trotz ihrer geringen Breite konnten wir ihnen vollauf vertrauen.

6. Hochwertige Kontaktpunkte für dauerhaften Fahrkomfort
Das gleiche Urteil haben sich ganz andere Kontaktpunkte verdient. Und zwar die mit euren Händen. Gemeint sind sowohl die ergonomischen Griffe als auch der dazugehörige Lenker. Die Erstgenannten stammen von Brooks. Sie gehören zur Cambium-Produktlinie der englischen Kultmarke und sind als solche farblich auf den Sattel, den Brooks Cambium C67, abgestimmt. Entscheidender im Alltag ist jedoch deren kleine, unterstützende Auflagefläche für die Handballen. Die fühlt sich sehr angenehm an, verleiht den Händen zusätzliche Stabilität und ist ein Argument, weshalb ihr mit dem Desiknio Oxytocin gern auch längere Strecken in Angriff nehmen könnt.

Mit seinem leicht nach hinten geschwungenem Rohr sorgt der Lenker für ein entspanntes Fahrgefühl. Ansatzweise fühlten wir uns sogar an das Fahren auf einem Beach Cruiser erinnert. Mag aber auch ein wenig daran gelegen haben, dass wir das Desiknio Oxytocin in der Rahmengröße M getestet haben. Diese empfiehlt der Hersteller für Menschen mit einer Körperlänge von maximal 170 Zentimeter. Unser Haupttester maß jedoch 184 Zentimeter. Laut seiner Aussage trat das Limit während der Fahrt nicht zu stark in den Vordergrund. Noch längeren Menschen raten wir dennoch lieber zur Rahmengröße L. Diese empfiehlt Desiknio für eine Körperlänge von maximal 180 Zentimeter.

Nach unten schien in der Rahmengröße M bei einer Körperlänge von rund 165 Zentimetern die Grenze des Zumutbaren erreicht. Schuld daran hat zum größten Teil die Sattelstütze, die sich nicht komplett ins Sattelrohr versenken lässt. Interessanterweise schätzt der Hersteller den Bereich größer ein und legt sein Limit bei 155 Zentimeter fest.

7. Desiknio Oxytocin kein vollumfängliches City-E-Bike
Neben all diesen positiven Dingen haben sich aber auch ein paar nervige Eindrücke bei uns im Gedächtnis festgesetzt. Der gravierendste ist jener, dass dieses E-Bike unvollendet geblieben ist. Hersteller Desiknio sieht in ihm ein Modell, das primär auf das Fahren in einem städtisch geprägten Kontext ausgelegt ist. Da gehen wir voll mit. Unterwegs in der Stadt finden wir uns jedoch oftmals in Situationen wieder, in denen wir Gepäck transportieren wollen – Sportzeug, den Rechner für die Arbeit, Einkäufe, ein Musikinstrument, etc. An einem urbanen E-Bike sollte es daher die Möglichkeit geben, solche Dinge auf einem Gepäckträger oder mithilfe von Gepäcktaschen zu transportieren. Leider fehlen Gepäckträger – genau wie eine Klingel – in der Serienausstattung ab Werk. Immerhin lässt sich bei den entsprechenden Desikonio-Händlern mit dem Tubus Fly nachträglich ein schlanker und gleichzeitig recht belastbarer Gepäckträger erwerben.
Zur Markteinführung 2025 erschien das Oxytocin mit einem Frontgepäckträger. Der wirkte auf den Bildern damals jedoch bereits recht schmal und war auch nur für eine Traglast von drei Kilogramm freigegeben. Inzwischen verzichtet Desiknio ersatzlos auf dieses Zubehör. Wollt ihr dieses Manko ausgleichen, könnt ihr zumindest eigene Gepäckträger anbauen. Der Rahmen verfügt über die nötigen Anschraubpunkte. Bei den entsprechenden Desiknio-Händlern lässt sich mit dem Tubus Fly nachträglich ein schlanker und gleichzeitig recht belastbarer Gepäckträger erwerben.
8. Test zeigt hakeliges Schalten
Mehrfach war bereits vom tollen Fahrerlebnis mit dem Oxytocin die Rede. Dies gibt es auch. Allerdings wird es von dem recht schwergängigen und unpräzisen Drehgriffschalter für die Getriebeschaltung von Pinion getrübt. Mitunter verlangt er recht viel Kraft für den Gangwechsel. Zudem fehlen ihm klar definierte Rasterpunkte. Häufig spürt man nicht, über wie viele Gänge man zum Beispiel gerade schaltet oder in welcher Stellung man einen Gang wirklich getroffen hat. Zur Ehrenrettung des Systems von Pinion sei angemerkt, dass sich die mechanischen Züge mit der Zeit weiten und sich der Drehgriffschalter deutlich leichter bedienen lässt. Dafür hat unser Testzeitraum einfach nicht ausgereicht.

Mit einem herkömmlichen Schalthebel sähe das vermutlich anders aus. Leider findet sich bei Pinion keine Alternative zum Drehgriffschalter. Dafür gibt es die beim Fahrradhersteller Toutterrain. Dessen Lösung ist allerdings recht komplex. Zu dem Hebel gehört nämlich eine Schaltbox für das Getriebe, die dann ebenfalls zu tauschen wäre.

9. Nachteile eines E-Bikes „von der Stange“
Das letzte Haar in der Suppe ist eher ein persönliches. Und zwar hat sich der Sattel des E-Bikes auf schmerzliche Weise seinen Platz in diesem Testbericht gesichert. Es handelt sich um den Brooks Cambium C67. Dessen Sitzfläche fällt besonders breit aus. Brooks sieht in ihm seine beste Lösung für das Fahren in einer sehr aufrechten Sitzposition. Für uns hat er sich in erster Linie ausgesprochen hart angefühlt. Von der versprochenen Stoßdämpfung keine Spur. Dabei besteht der Sattel aus einem Naturkautschuk und soll so flexibel sein, dass er bei entsprechenden Belastungen nachgibt.
Die Form des C67 passt weder zum Hintern unseres Haupttesters noch zu dessen Sitzknochenabstand. Er war schlichtweg zu breit. Dieses Schicksal kann euch allerdings bei jedem anderen Hersteller auf gleiche Weise ereilen, bei dem sich der Sattel vorher nicht auswählen lässt. Daher werfen wir das Desiknio auch nicht vor, sondern stellen es nur als allgemeines Ärgernis heraus. Ein Ärgernis, das sich mit einem anderen Sattel ganz einfach aus der Welt räumen lässt.

10. Testfazit: Gern mehr Tiefeinsteiger wie das Desiknio Oxytocin
Insgesamt hat das Fahren mit dem Desiknio Oxytocin echt viel Spaß bereitet. Angesichts eines Preises von rund 4.800 Euro haben wir genau das auch erwartet. Umso erfreulicher ist es, wenn ein solches Fahrerlebnis mit einem solch leichten, eleganten Tiefeinsteiger einhergeht. Wer dachte, diese Rahmenform sei ausschließlich etwas für ältere Menschen, denkt jetzt eventuell um. Sein unaufdringliches, leises und gleichzeitig sehr sportliches Auftreten hat uns wirklich beeindruckt. Schade, dass zwei, drei Schwächen die Begeisterung dämpfen. Dennoch, Fahrradhersteller, gern mehr davon.

Transparenzhinweis
Die Firma myStromer AG, verantwortlich für den Vertrieb von Desiknio in Deutschland, hat uns ein Testbike kostenfrei zur Verfügung gestellt. Zusätzlich unterstützt sie finanziell die Veröffentlichung dieses Blogbeitrages. In der gemeinsamen Vereinbarung mit Stromer ist jedoch festgelegt, dass die redaktionelle Hoheit über den Inhalt allein bei der Redaktion von Elektrofahrrad24 liegt. Alle hier geäußerten Meinungen und Einschätzungen basieren daher ausschließlich auf unseren Testeindrücken.
Bilder: Desiknio Cycles SLU; Elekrofahrrad24 GmbH








