Weniger Aussteller. Weniger Hallen. Viel weniger Fachbesucher. Vor diesem Hintergrund lässt sich über die Relevanz der Eurobike 2026 trefflich streiten. Avinox dürfte diese Diskussion kaum interessieren. Der noch relativ neue Gigant aus China hat den freigewordenen Platz dankend angenommen und mit zahlreichen eigenen Neuheiten gefüllt. Zu den spannendsten zählte eindeutig ein Projekt namens Avinox MG Concept. Die Abkürzung MG steht im Englischen zwar für Motor Gearbox. Tatsächlich führt der Begriff aber sogar etwas von dem weg, was das System eigentlich darstellt. Um was es sich stattdessen handelt und was darüber bis zum jetzigen Zeitpunkt bekannt ist, fassen wir für euch hier einmal zusammen.
1. Welche grundsätzlichen Vorteile bietet eine solche Motor-Getriebe-Einheit?
2. Wie funktioniert die Avinox MG Concept?
3. Welches Leistungsvermögen könnt ihr erwarten?
4. Wie viel wird eine Avinox MG wiegen?
5. Welche Rückschlüsse erlaubt die Größe der Avinox MG Concept auf die finale Einheit?
6. Wie weit ist die Entwicklung des Antriebs fortgeschritten?
7. Mit welchen Partnern arbeitet Avinox zusammen?
8. Für welche E-Bikes könnte sich die Avinox MG Concept eignen?
9. Wann wird es erste Modelle mit dem System geben?
10. Was können fertige E-Bikes mit einer Avinox MG kosten?
1. Welche grundsätzlichen Vorteile bietet eine solche Einheit?
Die genaue Definition sei für den Moment ein wenig aufgeschoben. Klar ist, dass es sich um eine Lösung handelt, die den Mittelmotor eines E-Bikes mit einer Schaltung direkt in einem Gehäuse zusammenführt. Ferdinand Wolf, Product Experience Director bei Avinox, spricht davon, dass man damit „die Grenzen des Möglichen auslote“.
Das haben vor Avinox bereits andere Hersteller mit vergleichbaren Konzepten getan. Beispielhaft erwähnt seien die Intradrive GD8, E2 Drives Owuru von Decathlon, Valeo Cyclee, Revonte One und natürlich die Pinion MGU. Sie alle verbindet mit dem Avinox MG Concept im Wesentlichen vier entscheidende Vorteile:
- Besondere Gewichtsverteilung: Sitzen Motor und Schaltung gemeinsam am Tretlager verschiebt sich der Schwerpunkt des E-Bikes noch mehr in die Mitte. Genau dort wirkt er sich am positivsten auf die Fahrkontrolle mit dem E-Bike aus.
- Geringere ungefederte Masse: Egal ob Kettenschaltung oder Nabenschaltung, beides bedeutet bei vollgefederten E-Bikes zusätzliches Gewicht, das vom Federungssystem bewegt werden muss. Fehlen etwa Schaltwerk und Kassette, muss die Federung ein geringeres Trägheitsmoment überwinden und kann folglich schneller und sensibler ansprechen.
- Geringerer Aufwand für Wartung und Pflege: Was nicht vorhanden ist, kann nicht verschmutzen, kaputt gehen oder auf andere Weise leiden. Das minimiert die Kosten für Ersatz, Pflegemittel und spart vor allem viel Zeit, die stattdessen fahrend verbracht werden kann. 😉
- Gemeinsames Gehäuse: Gebündelt in einer Einheit kann der Antrieb sowohl technisch als auch optisch optimal im E-Bike-Rahmen vorausgedacht und umgesetzt werden. Das gesamte System ist vor klimatischen und mechanischen Einflüssen geschützt. Oftmals kann jegliche Wartung entfallen.

2. Wie funktioniert die Avinox MG Concept?
Im Moment lässt sich die Avinox MG Concept am besten beschreiben, in dem man festhält, was sie nicht ist. Das liegt in erster Linie daran, dass sich der Hersteller zum genauen Aufbau bisher noch sehr bedeckt hält, was absolut nachvollziehbar erscheint. In der Recherche haben wir niemanden gefunden, der bereits einen Blick unter das Gehäuse werfen konnte und darüber sprechen durfte, was sie oder er dabei gesehen haben.
Gegenüber Medienvertretern hat der Hersteller zumindest durchblicken lassen, dass im Inneren des Systems zwei Motoren arbeiten. Im Zusammenspiel realisieren diese die jeweilige Übersetzung. Es handelt sich jedoch nicht um ein Getriebe, wie es beispielsweise Pinion in der MGU nutzt. Im Gegensatz dazu soll es bei Avinox im Inneren weder eine Kupplung noch Zahnräder noch Ketten noch Riemen geben. Das Verhalten der beiden Motoren wird durch Software und Algorithmen gesteuert. Sie ermöglichen ein stufenloses Schalten über die gesamte Übersetzungsbandbreite hinweg.

Mit der Avinox MG eine eigene Schaltung definieren
Alternativ dazu lassen sich aber wohl auch feste Schaltstufen definieren. Erstaunlich daran klingt, dass nicht die E-Bike-Hersteller die Gänge festlegen, sondern ihr selbst dies in der App einstellen könnt. Bevorzugt ihr eine klassische Abstufung mit zwölf, dreizehn Gängen an eurem E-Mountainbike? Dann erstellt sie einfach. Genügen euch sechs bis neun Gänge für einen Spazierfahr-Modus? Nichts leichter als das. Angeblich. Beide Settings für dasselbe Bike abspeichern? Vermutlich auch machbar. Zudem sieht es aus, als ob ihr die Veränderungen alternativ auch direkt während der Fahrt über Bedieneinheiten und Displays vornehmen könntet. Ach ja, einen Automodus für das stufenlose Schalten, bei dem eine KI unterstützt und ihr lediglich eure Lieblingstrittfrequenz als bestimmenden Faktor vorgebt, soll es auch geben. Angesichts der anderen Optionen scheint das fast schon das Pflichtprogramm zu sein und nicht etwa die Kür.

3. Welches Leistungsvermögen könnt ihr erwarten?
Vor allem in Anbetracht der Leistungsfähigkeit seiner klassischen Mittelmotoren taucht die Frage öfter auf, wie sich die MG Concept im Vergleich dazu schlagen wird. Alle Fans der E-Bikes mit bisherigen Avinox-Antrieben können beruhigt sein. Zwar nennt der Hersteller noch keine konkreten Zahlen. Aber er nutzt auch jede Gelegenheit, um zu betonen, dass sich alles an den Leistungsdaten des Avinox M2S orientieren wird. Bezogen auf die Spitzenleistung könnt ihr so wohl mit deutlich mehr als 1.000 Watt rechnen. Beim Drehmoment erscheinen 120 Newtonmeter und mehr realistisch. Und gegen eine Unterstützung von 800 Prozent hätten sicher auch nur wenige etwas einzuwenden. 😉
Durchaus möglich, dass dies sogar nur eine von mehreren Versionen des Antriebssystems werden wird. Schließlich brauchen allein schon an einem E-Mountainbike nicht alle ein derart massives Aggregat.

4. Wie viel wird eine Avinox MG wiegen?
An den Schaukästen auf der Eurobike gab es etliche Informationen zu der Neuheit. Eine Gewichtsangabe fehlte stets. Nach übereinstimmenden Angaben mehrerer Medien haben sich die Entwickler das Ziel gesetzt, eine neue Avinox MG Concept nicht mehr wiegen zu lassen als einen Avinox M2S zusammen mit einer Kettenschaltung Sram XO T-Type mit zwölf Gängen.
Tatsächlich könnt ihr davon ausgehen, dass dies ziemlich genau dem späteren Serienmodell entsprechen wird. Schließlich würde ein wesentlich höheres Gewicht die Attraktivität des Systems deutlich schmälern und sie um einen Teil ihrer Vorteile bringen.
5. Welche Rückschlüsse erlaubt die Größe der Avinox MG Concept auf die finale Einheit?
Was sich am Messestand ganz gut abschätzen ließ, war das Volumen des Antriebs. Er wirkte recht kompakt und kann nur geringfügig größer als ein Avinox M2-Motor ausfallen. In der Breite dagegen wichen beide deutlicher voneinander ab. Offensichtlich muss doch mehr in das Gehäuse hinein als bei einem herkömmlichen Mittelmotor.
6. Wie weit ist die Entwicklung des Antriebs fortgeschritten?
Um eure Erwartungen etwas zu zügeln sei an dieser Stelle noch einmal betont, dass auf der Eurobike wirklich nur ein Konzept zu sehen war. Weder bezogen auf das Design noch auf die integrierten Motoren handelte es sich um den finalen Stand. Bitte berücksichtigt das auch bei allen Informationen, die ihr bis hierhin im Beitrag gelesen habt.
Schalten im Bruchteil einer Sekunde
Zum technischen Hintergrund des Schaltens habt ihr bereits ein paar Dinge erfahren. Der eigentliche Schaltvorgang soll weniger als 0,1 Sekunden dauern. Schalten lässt sich sowohl im Stand als auch unter Last. Letzteres soll selbst dann reibungslos funktionieren, wenn Fahrende ein Drehmoment von bis zu 300 Newtonmeter auf die Pedale bringen. Die Schalteinheit kann beim Bedienen genau einen Gang wechseln oder wohl auch mehrere Gänge überspringen.

Zur Besonderheit des virtuellen Getriebes klang ebenfalls schon einiges an. Seine Übersetzungsbandbreite soll maximal 520 Prozent betragen. Bis zu den 600 Prozent einer Pinion MGU fehlt demnach noch ein Stück. Lösungen wie die Valeo Cyclee und Intradrive GD8 lässt es dagegen hinter sich. Sind konkrete Gänge definiert, lassen sich das Verhältnis der einzelnen Übersetzungen, die Größe der Gangsprünge und die Anzahl der Gänge beliebig ändern. Wer jedoch möchte 22 Gänge selbst festlegen, wenn der Automatikmodus von ganz allein euch über die gesamte Bandbreite hinweg stets in die passende Übersetzung versetzen kann?
Avinox verspricht eine ausgesprochen leise Antriebseinheit zu entwickeln. Ob das gelingt, werden später erste Tests mit dem Serienmodell zeigen.
Vom mechanischen Diebstahlschutz bis zum Rückwärtsgang
Dazu gibt es weitere Ankündigungen, von denen manche vielleicht eine bleiben und andere in die Realität umgesetzt werden. Mit großer Sicherheit wird sich die Neuheit mechanisch blockieren lassen. Das Feature soll den Diebstahlschutz spürbar aufwerten. Nach einer entsprechenden Verriegelung des Antriebs durch euch, werden die Kurbeln sich nicht mehr bewegen lassen. Damit bliebe Kriminellen zwar weiterhin die Option des Wegtragens. Aber mit dem Wegfahren, selbst ohne Unterstützung, wäre dann Schluss.
Zudem wagt sich Avinox an das Thema der Rekuperation. Das bedeutet, lasst ihr das E-Bike einfach im Leerlauf rollen oder bremst, könnte die dabei entstehende Energie über das System zurückgewonnen und in den E-Bike-Akku eingespeist werden. Hm, mal abwarten, ob und falls ja, wie schnell dieses Feature wirklich kommt. Auf der Messe wurde dies jedenfalls nur angeteasert. Es gab keine weiterführenden Informationen, die erklärten, unter welchen Bedingungen die Rekuperation stattfinden kann. Wie lang oder steil muss zum Beispiel eine entsprechende Abfahrt sein? Wie lang ein Bremsmanöver? Wie viele Prozent an Energie könnten sich zurückgewinnen lassen?
Geduld scheint auch der Umsetzung eines Rückwärtsgangs zu sein. Ja, technisch ist bereits umgesetzt worden. Unsere Skepsis rührt von den Kooperationspartnern her, mit denen Avinox zusammen die MG Concept auf der Eurobike vorgestellt hat. Diese zeigten ausnahmslos Modelle für vollgefederte E-Mountainbikes. An denen braucht es keinen Rückwärtsgang. Das ist eher eine Anwendung für drei- und vierrädrige E-Cargobikes.

7. Mit welchen Partnern arbeitet Avinox zusammen?
Genau, die Partner. Erwartungsgemäß sind das fünf E-Bike-Hersteller, die allesamt bereits Modelle mit Mittelmotore von Avinox anbieten. Zugegebenermaßen verfügt das Quintett durch die Reihe hinweg über einen klangvollen Namen: Canyon, Commencal, Forbidden, Mondraker und Megamo. Sie präsentieren Entwürfe für vollgefederte E-Mountainbikes – wahlweise mit Riemen oder Kette ausgestattet. Meist waren zusätzliche Spannröllchen verbaut, um zu verhindern, dass während der Fahrt Riemen oder Kette abspringen. Dank des geraden Kettenverlaufs am Avinox MG Concept könnten künftig tatsächlich häufiger Ketten zum Einsatz kommen. Man denke zum Beispiel an extrem robuste Spezialketten wie die Enduo von New Motion Labs.
8. Für welche E-Bikes könnte sich die Avinox MG Concept eignen?
Nach eigener Aussage kann sich Avinox sein neues virtuelles Getriebe an nahezu jedem E-Bike-Typ vorstellen. Klar, das E-MTB-Fully wird definitiv kommen. Bis zum E-Trekkingbike oder einem SUV-E-Bike ist es da nicht weit. Die schiere Leistung hält zumindest auch die Option für E-Lastenfahrräder offen. Dass Avinox E-Gravelbikes und urbane E-Bikes mit ins Spiel bringt, lässt vermuten, dass es tatsächlich etwas gedrosselte Versionen geben könnte, die an solchen Modellen passender erscheinen.
Eine Beschränkung könnte das freigegebene Gewicht der Fahrenden werden. Für den Moment arbeitet Avinox mit einen Wert von maximal 150 Kilogramm einschließlich Ausrüstung und Gepäck. Ob und falls ja um wie viel es über dieses Limit später hinausgeht, ist derzeit unklar.

9. Wann wird es erste Modelle mit dem System geben?
Aktuell deutet alles darauf hin, dass Ende des Jahres erste Serien-E-Bikes mit einer Avinox MG auftauchen könnten. Vermutlich wird Letztere dann eine andere Bezeichnung statt Concept erhalten. Aber bitte reißt es uns nicht den Kopf ab, wenn aus Dezember 2026 womöglich Januar 2027 wird. 😉
10. Was können fertige E-Bikes mit einer Avinox MG kosten?
Bleibt noch die Frage aller Fragen: Wo könnte sich der Preis für ein E-Bike mit der Avinox MG bewegen? Genauso zutreffende wie nichtssagende Antwort: Kommt auf das E-Bike an. Alex Boyce alias Alex Bike Tester scheint mehr zu wissen. Auf seinem Youtube-Kanal erwähnt er eine Summe, die perspektivisch zwischen 7.000 Euro und 8.000 Euro liegen könnte. Klingt nach einer recht guten Schätzung. Aus unserer Sicht mit einer kleinen Tendenz in Richtung 8.000 Euro.
Bilder: SZ Avinox Innovation Co., Ltd.; Elektrofahrrad24 GmbH









