Welches ist der beste E-Bike-Antrieb? Bei der Suche nach einer Antwort schauen viele von euch in einem ersten Reflex vielleicht in irgendwelche Datenblätter auf der Suche nach Spitzenwerten. Ganz nach dem Motto. Hier mehr von dem, dort mehr von dem – daher kann der logische Sieger nur soundso heißen. TQ argumentiert vergleichbar. Allerdings dreht der Hersteller bei seinem nigelnagelneuen HPR40 die Logik komplett um. Laut TQ ist dies das beste E-Bike-System, gerade weil es in vielen Kategorien ganz niedrige Werte vorweist. Geringe Leistung. Wenig Unterstützung. Niedriges Drehmoment. Welcher Ansatz dahintersteckt und auf welche E-Bikes das Unternehmen aus Bayern seine Aussage bezieht, fassen wir für euch zusammen.
1. Welcher Charakter kennzeichnet den HPR40?
2. Für welche E-Bikes ist das System gedacht?
3. Auf welchem Motor basiert der TQ HPR40?
4. Akkus welcher Größe sind kompatibel?
5. Wie funktioniert das Bedienkonzept ohne Display?
6. Wie viele Ladegeräte hält TQ für den HPR40 bereit?
7. Wie wirkt sich eine Spitzenleistung von 200 Watt aus?
8. Welche Argumente sprechen für einen solchen E-Bike-Antrieb?
1. Welcher Charakter kennzeichnet den HPR40?
Von diesem komplett neu entwickelten System, sagt TQ es solle „nicht dominieren, sondern ergänzen“. Aus unserer Sicht bringen die vier Worte das Ansinnen des Herstellers gut auf den Punkt. Und wie ergänzt man nun am geschicktesten? Nun, der HPR40 versucht es mit dem kleinsten und leichtesten E-Bike-Motor, den TQ bisher gefertigt hat und verzichtet bei der Integration am Fahrrad auf massige Akkus sowie auffällige Displays und Bedienelemente. Das Ergebnis sei ganz explizit nicht für Menschen gedacht, „die sich vom E-Bike ohne eigene Leistung den Berg hochziehen lassen möchten“. Eindeutig etwas überspitzt formuliert. Schließlich regt sich schon immer bei einem Pedelec der Motor erst, wenn die Fahrenden selbst pedalieren. Aber der dahinterstehende Gedanke wird deutlich.
2. Für welche E-Bikes ist das System gedacht?
Angesichts einer solchen Maßgabe liegt es auf der Hand, dass der HPR40 kein Antrieb für jedes E-Bike sein möchte und auch nie sein könnte. Allein schon, weil eine Vielzahl der E-Bike-Fans eine andere Vorstellung vom Faktor Motor an einem E-Bike haben und dies in ihrer Kaufentscheidung auch ausdrücken. Nach Einschätzung von TQ bietet sich das neue E-Bike-System für E-Rennräder, E-Gravelbikes und besonders leichte Hardtail-E-Mountainbikes mit geringerem Federweg aus dem Bereich Cross Country an.
Nach einem ersten Blick auf den Antrieb dürfte der Schwerpunkt auf den E-Rennrädern und E-Gravelbikes liegen. Mit dem Bikedrive Air von Maxon, dem Specialized SL 1.2, dem EP801 von Shimano oder Nabenantrieben wie dem Giant SyncDrive Move Plus und dem Mahle X35 tummeln sich schon jede Menge Systeme in diesen Segmenten. Keiner der Antriebe scheint jedoch für TQ bereits so ausgereift zu sein, als dass man nicht selbst etwas Besseres auf die Beine stellen könnte. Ganz allgemein gesprochen, würden die vorhandenen Lösungen noch folgende Nachteile haben:
- veränderte Kinematik des Fahrrades
- ungewohntes Ansprechverhalten beim Pedalieren im Vergleich zu einem herkömmlichen Fahrrad
- Abstriche beim Rahmendesign durch zusätzliche Integration von Akkus, Bedieneinheiten und Displays
- stark unterschiedliches Fahrgefühl beim Fahren mit Motorunterstützung unterhalb der Geschwindigkeitsgrenze von 25 km/h-Grenze und oberhalb der Grenze ohne Motorunterstützung
3. Auf welchem Motor basiert der TQ HPR40?
Technologisch greift der Hersteller auf Bewährtes zurück. Folglich begegnet euch im HPR40 erneut ein Motor mit dem patentierten Pin-Ring-Getriebe. Dieses zeichnet sich vor allem durch seinen hervorragenden Kraftschluss, die kompakten Abmessungen sowie das geringe Gewicht aus. Im Gegensatz zum HPR60, dessen Leistungsvermögen im Vergleich zum älteren HPR50 gezielt erhöht wurde, regelt TQ nun die Parameter bewusst herunter. Schon bei der Nenndauerleistung sticht dies deutlich hervor. Gewöhnlich gilt hier eine Leistung von 250 Watt als gesetzt. Dies ignoriert der HPR40 und begnügt sich stattdessen mit 200 Watt. Folglich schnellt auch das Drehmoment nicht in ungeahnte Höhen, sondern beträgt maximal lediglich 40 Newtonmeter. Und während Full-Power-Motoren wie der Bosch Performance Line CX eure Muskelkraft durch den Antrieb vervierfachen, gibt es bescheidene 100 Prozent drauf.
Dieses Downsizing erfolgt natürlich nicht grundlos. Als eine Folge sinkt zum Beispiel das Gewicht der Motoreinheit auf 1.170 Gramm. Ein Blick auf andere Motoren aus dem Bereich der Light-Assist-Antriebe verrät, in welche neuen Kategorien TQ damit vorstößt. Der Motor des Maxon Bikedrive Air bringt 1,9 Kilogramm auf die Waage und generiert ebenfalls ein Drehmoment von 40 Newtonmeter. Mit rund 750 Gramm unterbietet der Motor des HPS Domestique Watt Assist den HPR40 sogar um rund 400 Gramm. Allerdings erreicht er lediglich ein Drehmoment von 20 Newtonmeter.
Analog zum HPR50 und HPR60 verfügt der HPR40 über die drei Fahrmodi Eco, Mid und High. Eine Schiebehilfe gibt es ebenfalls. Den Q-Faktor des Systems gibt TQ in einer ersten Presseinformation nicht an. Der Hersteller spricht lediglich davon, dass er identisch zu Fahrrädern ohne E-Antrieb sei. Vermutlich bewegt sich das Maß um 135 Millimeter herum.
Motoreinheit des HPR40 im Überblick
- Nenndauerleistung: 200 W
- Maximale Leistung: 200 W (mech.)
- Unterstützung bis: 25 km/h / 45 km/h
- Maximales Drehmoment: 40 Nm
- Maximale Unterstützung: 100 Prozent
- Gewicht: 1,17 kg
4. Akkus welcher Größe sind kompatibel?
Um das Gesamtsystem so leicht wie möglich zu gestalten, beschränkt sich TQ in Bezug auf den Akku auf zwei schlanke Lösungen. Der neue TQ Battery V03 290 Wh tauchte bereits im Rahmen der Vorstellung des HPR60 auf. Als fest im Unterrohr integrierbarer Akku ist der zentrale Energiespeicher für den HPR40. Bei einer Kapazität von 290 Wattstunden wiegt er 1.460 Gramm. Zusammen mit dem Motor, den Bedieneinheiten und einigen Kabeln ergibt das im günstigsten Fall ein Gesamtgewicht für das System von rund 2.700 Gramm.
TQ hat den Akku so konzipiert, dass er neben dem Motor und der Lichtanlage zusätzlich eine elektronische Schaltung, Sensoren wie GPS und weitere elektrische Peripheriegeräte mit Strom versorgen kann. Umsetzbar wird dies durch eine offene Schnittstelle. Für all diese zusätzlichen Abnehmer wird ein Teil der Kapazität als Reserve vorgehalten. Neigt sich der Ladestand des Akkus stark dem Ende zu, verabschiedet sich die Strombereitstellung für den Motor. Alle anderen Komponenten bleiben so lange wie möglich nutzbar.
Die Reichweite für den HPR40 beziffert TQ mit maximal 130 Kilometer und 2.000 Höhenmeter. Das klingt ziemlich vielversprechend. In einen Test des Urwahn Straßenfalke sind wir zum Vergleich auf rund 100 Kilometer und 1.500 Höhenmeter gekommen. In dem E-Rennrad steckte jedoch kein Mittelmotor, sondern ein Nabenantrieb Mahle X35 mit einem Akku mit rund 250 Wattstunden an Kapazität.
TQ Battery V03 290 Wh im Überblick
- Kapazität: 290 Wattstunden
- Gewicht: 1.460 g
- Abmessungen: 38,2 mm x 63,5 mm x 426 mm
- Kompatibel mit Range Extender: ja
Wer die Reichweite für den TQ HPR40 erhöhen möchte, kann auf den Range Extender von TQ zurückgreifen. Der ist mit dem System nicht nur kompatibel, sondern kann sogar als alleiniger Akku das System mit Strom versorgen. Am besten nutzbar wäre die Option, wenn sich der Intube-Akku entnehmen ließe. Dies wird aber zumindest zum jetzigen Zeitpunkt wohl noch nicht der Fall sein.
TQ Range Extender V01 160 Wh im Überblick
- Kapazität: 160 Wattstunden
- Gewicht: 960 g
- Durchmesser: 76 mm
- Länge: 185 mm
5. Wie funktioniert das Bedienkonzept ohne Display?
Eingangs klang bereits an, dass sich TQ an Rennrädern und Gravelbikes ohne E-Antrieb orientiert, wenn es um das Fahrerlebnis mit dem HPR40 geht. Dazu zählt anscheinend auch, dass kein Display am Lenker oder Oberrohr schon von weitem verraten soll, dass es sich um ein E-Bike handelt. Konsequenterweise gibt es folglich kein Display.
Informationen zum Akkustand und der gewählten Unterstützungsstufe liefert euch ein Display, das extrem rudimentär gehalten einfach wie eine Lenkerendkappe wirkt. Im oberen Rand des Displays finden sich fünf LEDs. Je nach gewähltem Fahrmodus leuchten diese in unterschiedlichen Farben. Die Anzahl der leuchtenden LEDs symbolisiert den aktuellen Ladestand des Akkus.
Wechseln könnt ihr die Unterstützungsstufen durch das Drücken kleiner Tasten. Montiert sind diese am Lenker unter dem Lenkerband versteckt. Je nachdem, welche Funktionen der jeweilige Fahrradhersteller im System hinterlegt hat, aktiviert ein Tastendruck gegebenenfalls zudem das Licht oder löst einen Gangwechsel aus. Wie genau das funktionieren wird, wissen wir derzeit noch nicht. Vielleicht ist es ähnlich gelöst wie am Giant Defy Advanced E+. Dort hat Giant de Software des E-Antriebs mit der elektronischen Schaltung von Sram direkt verknüpft. Mithilfe von Sram stammender Blips könnt ihr die Fahrmodi wechseln, indem ihr einzeln einen der beiden Blips drückt. Bedient ihr beide gleichzeitig, schaltet ihr dagegen an der Kettenschaltung in einen anderen Gang.

6. Wie viele Ladegeräte hält TQ für den HPR40 bereit?
Mit einer kleinen Überraschung wartet TQ bei den Ladegeräten auf. Und zwar findet sich unter den Komponenten für den HPR40 mi dem TQ 2A Charger ein leichtes, kompaktes Ladegerät, das sich für das Laden des E-Bikes unterwegs anbietet. Aufgrund seiner Ladeleistung von 100 Watt und eines Ladestroms von zwei Ampere dauert das Aufladen verständlicherweise länger. Dafür nimmt es mit seinem recht handlichen Format nur wenig Platz weg und passt gut in einen Rucksack oder eine Gepäcktasche.
TQ 2A Charger im Überblick
- Ladeleistung: 100 W
- Ladestrom: 2 A
- Gewicht: 499 g
Etwas schwerer fällt der bekannte TQ 4A Charger aus. Dafür beschleunigen dessen Ladeleistung von 200 Watt und sein Ladestrom von vier Ampere den Ladevorgang merklich. Beide Ladegräte kommunizieren mit dem Batterie-Management-System, überwachen so die Temperatur des Akkus während des Ladens und sorgen für ein gewohntes Maß an Sicherheit. Neben dem Prüfisiegel des TÜV besitzen sie dank der UL-Zertifizierung von Underwriters Laboratories außerdem die Freigabe für den US-amerikanischen Markt.
TQ 4A Charger im Überblick
- Ladeleistung: 200 W
- Ladestrom: 4 A
- Gewicht: 700 g
7. Wie wirkt sich eine Spitzenleistung von 200 Watt aus?
Verglichen mit anderen Antrieben mit Mittelmotor klingen Zahlen wie das Drehmoment von 40 Newtonmeter oder auch die Maximalleistung von 200 Watt auffallend niedrig. Das sind sie auch. Spüren werdet ihr das dennoch zweifellos. In seiner Begleitinformation greift TQ zu einer cleveren Lösung, um dies anschaulich aufzuzeigen.
Dafür lässt der Hersteller Sophie gegen keinen Geringeren als Tadej Pogačar antreten. Als Gedankenspiel, versteht sich. In dieser Theorie ist Sophie eine ambitionierte Hobbysportlerin, mit einem Körpergewicht von 65 Kilogramm. Im Durchschnitt bringt sie eine Leistung von 195 Watt auf die Pedale. Das sind drei Watt pro Kilogramm. Mit einer Leistung von rund 5,5 Watt pro Kilogramm übertrumpft sie der aktuell wohl weltbeste Straßenradfahrer, Weltmeister und Tour-de-France-Gewinner Tadej Pogačar. Er wiegt ebenfalls 65 Kilogramm, leistet aber durchschnittlich erstaunliche 357 Watt. Was der Ausnahmeathlet jedoch nicht ahnt – Sophie steigt plötzlich auf ein E-Rennrad mit dem HPR40 um. Durch dessen zusätzliche 200 Watt stehen für sie danach 395 Watt zu Buche, was einem Wert von sechs Watt pro Kilogramm entspricht. Damit radelt die Hobbysportlerin mit einem Schlag auf Profiniveau, hängt Pogačar spielend ab und kann ihn beim Überholen noch in ein Pläuschen verwickeln.
So weit die Theorie. In der Praxis wäre zumindest mal zu fragen, wie lange Sophie denn ihre durchschnittliche Leistung bringen kann? Oder ob sie auf einem Smart Trainer gemessen wurde oder auf der Straße? Vielleicht hätte Tadej Pogačar am Ende doch die Nase vorn. Entscheidend ist das aus unserer Sicht nicht. Entscheidend ist, dass TQ einen Punkt macht, der sich einfach nachvollziehen lässt.
8. Welche Argumente sprechen für einen solchen E-Bike-Antrieb?
Grundsätzlich gelten für einen sportlichen Antrieb wie den neuen TQ HPR40 ganz ähnliche Vorteile, wie sie einem für E-Bikes ganz allgemein in den Kopf kommen. Er bringt Radfahrende zusammen. Radfahrende, deren Leistungsvermögen so weit auseinanderliegt, dass sie unter anderen Umständen nie gemeinsam zu einer Tour starten würden, auf der im Verlauf alle gleichermaßen Spaß haben. Womöglich gilt dies insbesondere für so sportive Menschen, die gern ein E-Rennrad fahren. Gleichzeitig erleichtert eine Hilfe wie ein solch leichter und nur moderat unterstützender Motor den generellen Einstieg ins Rennradfahren. Solange die Fitness für längere Anstiege oder die Gewöhnung an größere Distanzen noch fehlen, sind 200 „fremde“ Watt sehr willkommen.
Selbst ambitionierte Radfahrende und Profis machen genau davon Gebrauch. Das E-Bike hat sich längst als Trainingsgerät etabliert, wenn Menschen nach einer Verletzung oder generell einer längeren Pause wieder zurückkehren auf das Fahrrad. Darüber hinaus, können diejenigen, deren Form schon auf Topniveau ist, auf diese Weise ihren Aktionsradius erweitern. Schließlich wird sich ein E-Bike mit einem TQ HPR40 auch mit deaktiviertem Antrieb noch sehr gut fahren lassen.
Bilder: Belgian Cycling Factory nv; Canyon Bicycles GmbH; TQ-Systems GmbH

















