Wie lassen sich Menschen am besten zu einem Wechsel vom Auto auf das Fahrrad im Allgemeinen, und auf das E-Bike im Speziellen, bewegen? Tamara Ivancova glaubt, mit einem vollverkleideten E-Bike auf vier Rädern. Deshalb möchte sie schon bald mit der Serienproduktion für ihr Elecy starten. Dessen Prototyp ist beinahe fertig und wird demnächst die Welt umrunden.
1. Mit dem E-Bike am Stau vorbei – aber nicht risikofrei
2. Elecy: So windschnittig und sicher wie kaum ein zweites E-Bike
3. Kaum Einzelheiten über E-Antrieb
4. So unterscheidet sich das Elecy anderen vollverkleideten E-Bikes
5. Nachhaltig von Anfang bis Ende
6. Wesen des Elecy prägt seine Form
7. Wissenschaftliche Exzellenz als wichtigstes Pfund
8. Im Elecy einmal um die Welt
1. Mit dem E-Bike am Stau vorbei – aber nicht risikofrei
Wenn man sich der Verkehrswende und dem Ideal einer ökologischen, ressourcenschonenden Fortbewegung verschrieben hat, gibt es vermutlich einfachere Dinge, als ein vollverkleidetes E-Bike zu entwerfen. Für Tamara Ivancova scheint es dagegen einfach nur eine logische Konsequenz gewesen zu sein. Erstens, weil sie nach eigener Aussage einfach zu oft auf dem Weg zur Arbeit im Stau stecken blieb. Zweitens, weil sie eine Idee hatte, wie sich das ändern ließe. Und drittens, weil sie in der Lage war, diese Idee auf vier Räder zu setzen und ihr dann gehörigen Schwung zu verleihen.
Ivancova hat große Teile ihrer Jugend in Großbritannien verbracht. Erst südwestlich von Birmingham, später während des Studiums in Southampton, wo sie auch aktuell lebt. Dabei ist ihr aufgefallen, dass viele Menschen allein mit einem Auto fahren, um Strecken zwischen fünf und zehn Meilen zurückzulegen, also zwischen acht Kilometer und 16 Kilometer. Das sind Distanzen, die sich theoretisch gut mit einem E-Bike fahren ließen. Vor allem allein. In der Praxis steigen die Menschen jedoch ins Auto, setzen ein Fahrzeug von gut 1,5 Tonnen in Bewegung und tragen durch diese Kurzstrecken in dicht besiedelten Gegenden maßgeblich zum Verstopfen der Straßen bei.
Als Ingenieurin sah Ivancova das E-Bike gegenüber dem Auto eigentlich im Vorteil. Es ist effizient, verursacht wesentlich geringere Betriebskosten und Emissionen. Allerdings besteht für Menschen auf einem Fahrrad im Falle eines Verkehrsunfalls ein viel größeres Verletzungsrisiko, sie können in der Regel weniger Gepäck transportieren und sind der Witterung ausgesetzt.
2. Elecy: So windschnittig und sicher wie kaum ein zweites E-Bike
Das Elecy will diese Nachteile des Fahrrades ausgleichen, ohne dabei die Vorteile zu verlieren. Daher fährt es auf vier Rädern, wird beim Pedalieren von einem E-Bike-Motor unterstützt und verfügt über ein komplett geschlossenes, aerodynamisches Chassis. Entwickelt für das Fahren auf Radwegen misst es gerade einmal 80 Zentimeter in der Breite. Damit es in so vielen Ländern wie möglich ohne besondere Voraussetzungen gefahren werden kann, stellt der Motor wie bei jedem anderen Pedelec seine Unterstützung bei Geschwindigkeiten von mehr als 25 Kilometer pro Stunde ein.
Unter der aerodynamischen Karosserie finden maximal zwei Insassen Platz, eine erwachsene Person und ein Kind. Beide sitzen hintereinander. Die Sitzposition soll der in einem Pkw ähneln. Wer allein unterwegs ist, kann das Heck des Fahrzeuges als Gepäckabteil nutzen. Die genannten 300 Liter an Stauraum versprechen jede Menge Platz. Zur erlaubten Zuladung gibt es allerdings noch keine Information.
Neben dem Wetterschutz dient das Chassis gleichzeitig eurer Sicherheit. Die Insassen sind von einer Sicherheitszelle umgeben. Darüber hinaus verfügt das Elecy über einen Aufprallschutz. Derart ausgestattet, sollte euch bei Zusammenstößen und selbst Überschlägen kaum etwas passieren. Dank seiner Höhe von 130 Zentimeter dürfte das E-Bike im Verkehr auch gut wahrnehmbar sein. Zum Vergleich: Ein für den Straßenverkehr zugelassener Sportwagen wie der Audi R8 ist vier Zentimeter flacher. Und analog zu einem Auto sollen später zwei Frontscheinwerfer, zwei Rücklichter mit Bremslichtfunktion sowie vier Blinker jene Sichtbarkeit im Straßenverkehr abrunden.

3. Kaum Einzelheiten über E-Antrieb
Zum E-Bike-System hält sich Tamara Ivancova derzeit noch recht bedeckt. In einem Gespräch mit Gary Solomon von Laidback Bike Report sprach sie vom Antrieb eines namhaften Herstellers, ohne jedoch Details zu verraten. Bekannt ist bisher immerhin, dass es im Elecy wohl nur einen Steckplatz für einen E-Bike-Akku geben wird. Dessen Kapazität beträgt voraussichtlich rund 650 Wattstunden. Laut Ivancova scheinen damit Reichweiten von 60 Kilometer bis 80 Kilometer mit einer Akkuladung realistisch. Immerhin ist das E-Bike groß genug, um mehrere Akkus als Reserve immer dabeizuhaben. Die Zeit für einen kompletten Ladevorgang für den entnehmbaren Akku gibt die Ingenieurin mit drei Stunden an.
4. So unterscheidet sich das Elecy anderen vollverkleideten E-Bikes
Beim Elecy handelt es sich längst nicht um das erste vollverkleidete E-Bike auf vier Rädern. Das Katanga VM45 oder das Podbike Frikar, das Twozero jetzt als Classic vertreibt, gehören zu den Fahrzeugen, die aufgrund ihrer stimmigen Konzepte und tollen Umsetzung für viel Aufmerksamkeit gesorgt haben. Gleichzeitig offenbaren die erwähnten Modelle, was andere Hersteller anders und vielleicht sogar besser machen können. Statt eines seriellen Hybridantriebs wie beim Frikar setzt das Elecy zum Beispiel auf einen klassischen E-Bike-Motor mit einer direkten Verbindung über eine Kette zur Hinterradachse. So kann das E-Bike auch fahren, wenn der Akku einmal komplett erschöpft sein sollte.
Im Gegensatz zu Twozero, Katanga oder auch Quadvelo kommt beim Chassis Carbon zum Einsatz. Zusammen mit anderen Details wird dies zu einem Gesamtgewicht führen, das beim Serienmodell zwischen 55 und 65 Kilogramm liegen soll. Das sind zwischen 20 Kilogramm und 30 Kilogramm weniger als der Wettbewerb. Bei vergleichbarer Größe, wohlgemerkt. Sollte euch hiermit der Akku während einer Fahrt wirklich einmal verlassen, könnt ihr mit dem windschnittigen Bike unter Umständen nach Hause pedalieren.

5. Nachhaltig von Anfang bis Ende
Das Carbon für das Elecy entsteht übrigens nicht extra für dieses E-Bike. Es ist ein Recycling-Produkt, das aus wiedergewonnenen Kohlestofffasern besteht. Im Grunde handelt es sich um Verschnitt, der bei anderen Projekten anfällt und normalerweise als Abfall dann entsorgt wird. Ivancova hat jedoch einen Partner gefunden, der solche Reste sammelt, die sie dann mithilfe einer selbst entwickelten, umweltfreundlichen Konstruktionsmethode weiterverarbeitet.
Im Sinne eines nachhaltigen Lebenszyklus von der Fertigung bis hin zum Lebensende sucht Ivancova nach einfacher Technik aus dem Fahrradbereich, die sich über etliche Jahre hinweg bereits bewährt hat. Beim Antrieb gilt es als sicher, dass wir eine Nabenschaltung sehen werden. Jedoch mit Kette statt Riemen. Das erleichtert einen Austausch deutlich. Upgraden statt Wegwerfen lautet die Maxime, mit der das Elecy möglichst lang fahren und dabei so wenig Abfall wie möglich verursachen soll.
6. Wesen des Elecy prägt sein Form
Trotz allem darf der Komfort nicht zu kurz kommen. Sonst kann nach Ansicht von Ivancova der Umstieg vom Auto auf ein solches E-Bike nicht gelingen. Deshalb hat sie großen Wert darauf gelegt, dass sowohl kurz gewachsene Menschen als auch lang gewachsene im Elecy bequem Platz finden. Ein kniffliges Unterfangen, wenn das Fahrzeug möglichst kompakt bleiben soll.
Entsprechend stark hat sich das Design während der Entwicklung verändert. Anfangs experimentierte Ivancova mit eher sportlichen Silhouetten. In denen hätten wie beim Katanga VM45 aber nur eine Person hineingepasst. Das wäre demnach eher eine Lösung für lange Touren geworden. Nach und nach rückten jedoch die Alltagstauglichkeit und den Einsatz in einer urbanen Umgebung in den Vordergrund.
Das Ergebnis des Designprozesses ist nun 250 Zentimeter lang, 80 Zentimeter breit und 130 Zentimeter hoch. Mithilfe des verstellbaren Sitzes soll dies für Menschen mit einer Körperlänge zwischen 150 Zentimeter und 200 Zentimeter passen. Wie genau die Insassen einsteigen, lässt sich noch nicht mit letzter Sicherheit sagen. Alles deutet darauf hin, dass man sowohl eine Tür öffnen und dazu das Verdeck hochklappen wird. In jedem Falle soll sich das Verdeck später abnehmen lassen, um an heißen Tagen für bessere Belüftung zu sorgen.
7. Wissenschaftliche Exzellenz als wichtigstes Pfund
Wie das Einsteigen und vor allem das Fahren im Elecy wirklich aussehen wird, können wir sicher in den kommenden Monaten sehen. Derzeit arbeitet Tamara Ivancova an den letzten Details des Prototyps. Dass sie es bis hierhin geschafft hat, erscheint enorm erstaunlich. Schließlich basieren all ihre Errungenschaften auf einem Bachelor für Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Southampton – gepaart mit einem unglaublichen Willen.
Seit der Gründung ihres eigenen Unternehmens Amara Automotive im Februar 2022 arbeitetet sie mehr oder weniger allein an ihrem Traum. Ein festes Team an ihrer Seite? Spendable Investoren? Vermögen geerbt oder im Lotto gewonnen? Alles Fehlanzeige. Das Geld für die Unternehmensgründung stammt aus einem Wettbewerb an der Universität Southampton. Dort gewann sie den ersten Preis in der Kategorie „Big Ideas“. Genau 4.000 Britische Pfund gab es damals dafür. Vielleicht noch wichtiger waren jedoch ein Mentoring und die Unterstützung beim Werben um Geldgeber für die eigene Idee.
Weiteres Geld hat sie auf ähnliche Weise aufgetan. Mehrfach nahm sie an wissenschaftlichen Wettbewerben teil. Mit den gewonnenen Preisgeldern kam das Projekt Stück für Stück voran. Inzwischen konnte Ivancova sogar ein Stipendium der Royal Academy of Engineering in London ergattern. Das bedeutet neben maximal 75.000 Britischen Pfund eine fachkundige Beratung für das eigene Unternehmen sowie eine 1:1-Betreuung durch ein Mitglied der Akademie.
Ok, wer als 15-Jährige sich als Praktikantin bei einem Formel-1-Rennstall bereits mit der Aerodynamik des Rennboliden beschäftigen darf, um dort als Studentin bereits eine Festanstellung zu erhalten, gilt wohl zurecht als hochtalentiert.
8. Im Elecy einmal um die Welt
Was unter anderem körperlich in ihr steckt, wird Ivancova 2026 unter Beweis stellen. In wenigen Wochen startet sie im Prototyp des Elecy zu einer Reise um die Welt. Allein. Unspported. Nach den Guiness-Regeln. Es soll der ultimative Langzeittest werden. Die geplante Strecke führt sie auf 30.000 Kilometern über vier Kontinente durch 23 Länder. Geschlafen wird im Idealfall unter freiem Himmel oder im E-Bike. Hinterher dürfte klar sein, ob es am Elecy noch Schwachstellen zu verbessern gilt und falls ja, welche das sind. Zudem weiß die Unternehrerin dann aus erster Hand, wie sich das Fahrzeug unter verschiedensten klimatischen Bedingungen auf unterschiedlichstem Terrain fährt. Ach, zwei Weltrekorde möchte Ivancova mit ihrer Fahrt auch noch aufstellen. Warum nur glauben wir, dass sie auch das packt? 😉
Bilder: Amara Automotive Ltd.






ein tolles Gerät auf dem Bild mal sehen wies sich imStraßenverkehr zurecht findet
vie Erfolg bei der Umsetzung und der Weltfahrt