In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse rund um die Accell Group und bekannte E-Bike-Marken wie Haibike, Ghost, Lapierre, Raleigh, Winora und weitere nahezu überschlagen. Auf den Aufschub der Zahlungsverpflichtungen für die in den Niederlanden angesiedelte Konzernmutter Accell Group folgte die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens von Accell Germany und schließlich die Insolvenz der Accell Group. Höchste Zeit, die Geschehnisse zu sortieren und erste Einschätzungen zu geben.
1. Welche deutschen Fahrradmarken sind von den aktuellen Ereignissen betroffen?
2. Wie versucht Accell Deutschland die zum Unternehmen zählenden Tochtergesellschaften zu retten?
3. Welche Erfolgsaussichten hat das Insolvenzverfahren?
4. Wie viele Beschäftigte sind in Deutschland betroffen?
5. Was bedeutet die Insolvenz für euch, wenn ihr ein E-Bike der betroffenen Marken fahrt?
6. Wie steht es um die Konzern-Mutter, die Accell Group?
7. Wie agieren Tochtergesellschaften von Accell in anderen Ländern?
8. Wie ist es zu der wirtschaftlichen Schieflage gekommen?
9. Läuft die Produktion an den Standorten von Accell weiter?
10. Was wurde aus dem Übernahmeangebot von Dutech für die Accell Group?
11. Gibt es nach der gescheiterten Übernahme neue Interessenten?
1. Welche deutschen Fahrradmarken sind von den aktuellen Ereignissen betroffen?
Wie viele Unternehmen genau zur Accell Group Holding B.V. gehören, konnten wir nicht ermitteln. Verlässlich lässt sich sagen, welche Marken zum Konzern zählen. Dies sind Babboe, Batavus, Carqon, E. Wiener Bike Parts, Ghost, Haibike, Juncker Bike Parts, Koga, Lapierre, Loekie, Raleigh, Sparta, Tunturi, Winora und XLC.
Folgende vier davon firmieren unter der in Deutschland angemeldeten Accell Germany GmbH:
- E. Wiener Bike Parts – Fachgroßhändler für Fahrradteile und -zubehör
- Haibike – Hersteller von E-Bikes und Fahrrädern
- Ghost – Hersteller von E-Bikes und Fahrrädern
- Winora – Hersteller von E-Bikes und Fahrrädern
2. Wie versucht Accell Deutschland die zum Unternehmen zählenden Tochtergesellschaften zu retten?
Am 5. August 2026 beantragte Accell Deutschland beim Amtsgericht Schweinfurt die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Der Antrag gilt für alle deutsche Tochtergesellschaften. Diese Form des Insolvenzverfahrens gewährt der Geschäftsführung einigen eigenen Spielraum. Sie kann selbstbestimmt unternehmerische Entscheidungen treffen und die Sanierung auf der Grundlage eigener Einschätzungen vorantreiben.
Nach eigener Aussage möchte man im vorgegebenen Rahmen überall den Geschäftsbetrieb fortführen. Als Ziel wird explizit eine Herauslösung aus der internationalen Accell-Gruppe genannt. Vermutlich wird es dazu neue Investoren brauchen. Welche Konsequenzen sich daraus für die jeweiligen Marken, ihre Produkte, die gesamte Organisation inklusive Vertrieb sowie die Zukunft der Standorte bedeutet, lässt sich derzeit nicht abschätzen.
3. Welche Erfolgsaussichten hat das Insolvenzverfahren?
Grundsätzlich scheinen die Beteiligten gute Chance dafür zu sehen, dass Accell Deutschland und die erwähnten Marken das Insolvenzverfahren positiv gestalten können. Ob dem wirklich so ist, wird sich jedoch erst zeigen, nachdem das Gericht und die Sachwalter die Bilanzen prüfen konnten und grünes Licht für die Eröffnung des Verfahrens geben.
Rechtsanwalt Martin Mucha von der Kanzlei Grub Brugger aus Stuttgart, der für die Dauer der Eigenverwaltung als Generalbevollmächtigter in die Unternehmen eintritt und die Geschäftsführung unterstützt, äußert sich vorsichtig optimistisch: „Ob eine erfolgreiche Sanierung gelingt, hängt von vielen Faktoren ab, darunter die weitere Marktentwicklung und die Bereitschaft aller Beteiligten, das Verfahren konstruktiv zu begleiten. Wir sind jedoch zuversichtlich und werden alles daransetzen, Investoren zu finden, die den deutschen Teil der Accell Group mit den etablierten Marken fortführen möchten.”
Und auch der vorläufige Sachwalter Rechtsanwalt Dr. Stefan Debus, Partner der Kanzlei Müller-Heydenreich Bierbach & Kollegen, schätzt die Aufgabe als Lösbar ein. „Die Eigenverwaltung zeigt in der Praxis regelmäßig, dass sie sanierungsfähigen Unternehmen echte Chancen eröffnet. Auf Basis erster Gespräche mit den Beteiligten und einer kursorischen Bestandsaufnahme sehe ich für die Accell-Gesellschaften gute Voraussetzungen, die Mittel des deutschen Insolvenzrechts erfolgreich nutzen zu können.“
Alle Hände voll zu tun
Neben dem Alltagsgeschäft hat die Suche nach interessierten Käufern oder Investoren große Bedeutung. Wie der Focus auf seinem Online-Angebot Mobility berichtet, sollen bereits erste Akteure ihr Interesse an einem Kauf hinterlegt haben.
Viel Zeit bleibt allen Beteiligten für einen positiven Abschluss vermutlich nicht. Schließlich ordern Fahrradläden und Onlineshops gerade fleißig ihr Kontingent für die kommende Saison. Angesichts zahlreicher aktueller Unklarheiten werden Bikes und Teile von Accell-Marken dabei sicher nicht ganz oben auf den Listen stehen. Ohne Zusagen für Aufträge fällt bei den Herstellern wiederum der Blick in die Zukunft deutlich düsterer aus.
4. Wie viele Beschäftigte sind in Deutschland betroffen?
Für Winora, Haibike, Ghost und E. Wiener Bike Parts arbeiteten zuletzt 370 Menschen an den Standorten in Sennfeld und in Waldsassen. Deren Löhne und Gehälter sind lediglich bis Ende Oktober 2026 gesichert. Die Mittel dafür stammen aus dem Insolvenzgeld. Ab November drohen somit harte wirtschaftliche Einschnitte.

5. Was bedeutet die Insolvenz für euch, wenn ihr ein E-Bike der betroffenen Marken fahrt?
Fahrt ihr derzeit eines oder vielleicht sogar mehrere E-Bikes der erwähnten Marken, drücken wir euch die Daumen, dass damit in absehbarer Zeit erst einmal nichts passiert. Das wäre der einfachste Weg, den Trubel dieser Tage zu umgehen.
Sollte doch etwas kaputt gehen oder aus anderen Gründen Ersatz nötig werden, bleibt der Händler, bei dem ihr das E-Bike gekauft habt, euer erster Ansprechpartner. Er kümmert sich um alle Dinge, die zur Gewährleistung gehören. Dazu zählt unter anderem das E-Bike-System. Zulieferer wie Bosch und Shimano haben zudem bereits signalisiert, dass sie weiterhin wie gewohnt den Handel mit den nötigen Teilen und Komponenten versorgen werden.
Kniffliger wird es, wenn wir über Teile reden, die originär ausschließlich die jeweilige Marke verbaut. Der Klassiker dabei ist der Rahmen. Daneben kann dies für spezielle Anbauteile wie Vorbauten, Lenker, Gepäckträger, Schutzbleche und Ähnliches gelten. Für solche Dinge gewährt der Hersteller typischerweise eine Garantie. Ob er während des Insolvenzverfahrens oder im Ernstfall nach Erklärung einer Insolvenz wirtschaftlich dazu in der Lage ist, den vertraglich zugesicherten Ersatz zu leisten, bleibt abzuwarten. Habt ihr ein entsprechendes Produkt direkt vom Hersteller gekauft, erhaltet ihr automatisch den Status eines ungesicherten Gläubigers im Insolvenzverfahren. Mit euren Ansprüchen müsst ihr euch dann hinter der jeweils zuständigen Steuerbehörde und anderen Gläubigern einreihen.
6. Wie steht es um die Konzern-Mutter, die Accell Group?
Wovor man bei Accell Deutschland Angst hat, ist in den Niederladen bereits eingetreten. Seit einer Entscheidung des Amsterdamer Insolvenzgerichts vom 11. August 2026 listet das niederländische Insolvenzregister folgende sechs Accell-Firmen als insolvent auf.
- Accell Duitsland B.V.
- Accell Global B.V.
- Accell Group B.V.
- Accell Group Europe B.V.
- Accell Group Holding B.V.
- Accell Nederland B.V.
Besonders relevant dabei sind die Konzernholding Accell Group Holding B.V. als Dachgesellschaft sowie die Accell Nederland B.V. An diesen beiden Unternehmen hängen Marken wie Batavus, Koga, Sparta, Babboe und XLC. Die Erklärung der Insolvenz folgt nur sechs Tage, nachdem das Gericht in Amsterdam der Gruppe einen Zahlungsaufschub gewährt hatte. Offensichtlich reichte die Maßnahme nicht aus, um eine weitere Zuspitzung der Situation zu verhindern.
Nach übereinstimmenden Medienberichten arbeiten etwa 2.000 Menschen in 15 Ländern für Accell. Immerhin 340 sind es in den Niederlanden. Die dortige Gewerkschaft FNV nennt die Pleite verheerend. Wie das Onlineportal NieuwsFiets.nu erfahren hat, planen die zuständigen Insolvenzverwalter den Geschäftsbetrieb vorübergehend am Laufen zu halten. Weiterhin geplant sind Gespräche mit wichtigen Lieferanten. Es gilt zu klären, ob und falls ja, wie schnell Accell den Handel wieder versorgen kann.
7. Wie agieren Tochtergesellschaften von Accell in anderen Ländern?
Als internationale Holding vereint die Accell Group mehrere europäische Marken unter ihrem Dach. Diese haben teilweise genauso schnell wie Accell Germany die eigene Initiative ergriffen. Dabei verfolgen Lapierre in Frankreich und Raleigh in Großbritannien ähnliche Ansätze. Beide Marken streben den Weg in die Eigenständigkeit an, losgelöst vom niederländischen Mutterkonzern. Nach Informationen von Wattmoves musste die die finnische Tochter Tunturi dagegen Konkurs anmelden.
8. Wie ist es zu der wirtschaftlichen Schieflage gekommen?
Tatsächlich hat die jetzige Entwicklung eine etwas längere Vorgeschichte. Und wie so oft im Leben ist Timing ganz entscheidend. Unter eigentlich günstigen Vorzeichen erwirbt ein von der US-amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR) angeführtes Konsortium im Sommer 2022 die Aktienmehrheit bei Accell. Analog zu anderen Fahrradherstellern erlebt der Konzern einen von der Corona-Pandemie ausgelösten Nachfrage-Boom. Allerdings brechen die Bestellungen zum Ende 2022 unerwartet teils dramatisch ein. Zu diesem Zeitpunkt hat Accell aber längst Aufträge an die Zulieferer erteilt.
Die fertigen Fahrräder treffen nach und nach. Nur gibt es niemanden mehr, die diese Masse kaufen möchte. Laut dem US-amerikanischen Journal Tech Times sind die Lager von Accell Ende 2023 mit rund 340.000 Stück gefüllt. Raus gehen die jetzt nur noch spärlich und mit oft schmerzlichen Preisnachlässen. Für das Jahr 2024 sinkt der Umsatz um 22 Prozent auf nur noch knapp über eine Milliarde Euro. Wegbrechende Margen, Schulden von der Übernahme durch KKR und zu spätes Absenken der in Auftrag gegebenen Produktion ergeben zusammen einen Abwärtsstrudel, aus dem der Branchenriese nicht mehr herauskommt.
In den Jahren 2024 und 2025 eingeleitete finanzielle Restrukturierungen bewirken nicht die erhoffte Trendwende. Als wäre das allein nicht genug, fallen E-Lastenfahrräder der Marke Babboe 2024 nachweislich durch gravierende Sicherheitsmängel auf. Der notwendige Rückruf bestimmter Modelle kostet Accell laut Tech Times bis Juli 2024 rund 50 Millionen Euro. Ganz abgesehen vom Vertrauensverlust, der dem Konzern zusätzlich zusetzt.
Erst die Lager, dann die Fabriken
Erste Anzeichen einer fundamentalen wirtschaftlichen Krise zeigen sich. Von 85 weltweit verteilten Lagern schrumpft das Netzwerk auf 28. Die Produktionshallen in der Türkei werden verkauft. Als die letzte in den Niederlanden betriebene Fabrik schließt das Werk in Heerenveen im Sommer 2025. Produziert wird danach stattdessen in Ungarn und Frankreich. Im Frühjahr 2026 folgen der Verkauf der Marken Van Nicholas und Nishiki.
Wie ernst zu diesem Zeitpunkt bereits die Lage ist, beweist ein Dokument, an welches Anfang 2026 das britische Journal Bikebiz gelangt. Unter dem Codenamen „Project Horizon“ wird darin berichtet, dass Accell heimlich Notfall-Kapital in Höhe von 95 Millionen Euro einsammeln möchte. Davon sollen 30 Millionen Euro die kurzfristige Liquidität sichern. Rund 65 Millionen Euro sollen in der Hinterhand bleiben, um auf kritische Engpässe in der Lieferkette reagieren zu können. Damit dies genügt, wolle man 40 Prozent der im Büro Arbeitenden entlassen und die Modellpalette um bis zu 51 Prozent kürzen. In der Öffentlichkeit dagegen verkündet das Unternehmen, es sei auf dem „Ride to Win“.
9. Läuft die Produktion an den Standorten von Accell weiter?
In Bezug auf das europäische Hauptwerk im ungarischen Tószeg gilt inzwischen als gesichert, dass dort momentan keine Bikes vom Band laufen. Ob zudem auch der Belegschaft wie teilweise berichtet bereits gekündigt wurde, können wir nicht prüfen. Im Kalenderjahr 2025 sollen vor Ort fast 300.000 Fahrräder gefertigt worden sein, 98,5 Prozent davon wohl E-Bikes.
10. Was wurde aus dem Übernahmeangebot von Dutech für die Accell Group?
Noch bis Ende Juli 2026 sah es so aus, als wäre die Accell Group aus dem Gröbsten heraus. Mit der Tri Star Group, einer chinesischen Tochtergesellschaft des aus Singapur stammenden Technologiekonzerns Dutech, stand ein potenter Partner aus der Branche zur Übernahme bereit. In Deutschland trat die Tri Star Group erstmals 2023 größer in Erscheinung. Damals übernahm das Unternehmen aus Shanghai Prophete und Cycle Union. Zwei Jahre später schlug man beim damals insolventen Lastenrad-Hersteller Onomotion aus Berlin zu. Im Februar 2026 wanderte die Sprick Cycle GmbH unter dasselbe Dach. In dem Zuge wechselte auch die Produktionsstätte Sprick Rowery in Polen den Eigentümer. Zusätzlich hält Tri Star seit längerem Anteile vom italienischen Fahrrad-ABS-Anbieter Blubrake. Hinter Marken wie Prophete, Kreidler, Rabeneick, Rex und VSF Fahrradmanufaktur steckt somit der chinesisch-stämmige US-Amerikaner Dr. Johnny Liu.
Vom Bundeskartellamt gab es Anfang Juli das Go für die geplante Übernahme der Accell-Gruppe durch Dutech. Aus Sicht der Behörde hätte ein Zusammenschluss der beiden sowohl für den Markt kompletter Fahrräder und E-Bikes als auch für Zubehörmarkt keine Gefahr für die nationale und internationale Wettbewerbsvielfalt bedeutet.
Während selbst Insider mit einem Abschluss des Geschäfts Anfang August 2026 rechneten, scheiterte die Übernahme plötzlich. Warum, haben bislang weder Dutech noch Accell gegenüber der Öffentlichkeit mitgeteilt. In jedem Falle scheint es die Lage der Accell Group unmittelbar beeinflusst zu haben. Schließlich sah sie sich bereits am 5. August zu den ersten hier im Beitrag skizzierten Schritten gezwungen.
11. Gibt es nach der gescheiterten Übernahme neue Interessenten?
Ja, mit Quanta Capital ist tatsächlich schon ein neuer Interessent auf der Bühne erschienen. Die Geschäfte bei dieser Investment- und Vermögensverwaltungsgesellschaft mit Sitz in Dublin führt Mel Sutcliff. Dieser Name ist in der Bikebranche bestens bekannt. Der irische ehemalige Profi-Radsportler erwies sich später erfolgreich Geschäftsmann. Das von ihm gegründete Eurocycles entwickelte er zu einer der bekanntesten Fahrrad-Einzelhandelsmarken Irlands. Mit dem erwirtschafteten Kapital erwarb er Raleigh Ireland und gründete die Eurotrek Raleigh Ireland Group. Daraus wurde nicht weniger als der größte Fahrradvertrieb der grünen Insel. Im Jahre 2026 verkaufte Sutcliff das Unternehmen 2016 an Raleigh und die Accell Group.
Unter Umständen schließt sich hier also demnächst ein Kreis. Quanta Capital und Mel Sutcliff haben ihre Absichten bereits gegenüber der britischen Tageszeitung „The Times“ offiziell bestätigt. Aktuell prüfe man ein von den gerichtlich bestellten Insolvenzverwaltern vorgelegtes Kaufangebot und sammle dafür nötiges Kapital ein.
Bilder: Accell Global B.V.; Engelbert Wiener Bike Parts GmbH
