Longread zum Wochenende: „Die lautlose Revolution“ oder: VOLVO – Verlässlichkeit versus Vision

24.03.2018 09:00

Sicher, es gäbe aktuellere Meldungen, zum Beispiel die, dass BOSCH ab Frühjahr 2018 fünf handverlesene E-Bike-Fabrikate mit seinem neuen ABS debütieren lässt. Aber nicht immer sind die neuesten Nachrichten auch die schönsten Geschichten, weswegen wir heute, wie es fast schon zu einer Tradition geworden ist, einem Longread zum Wochenende den Vorzug geben. Die Meldung ist schon ein etwas älter – wir kramen sie heute hervor, weil sie einen ganz eigenen Weg einschlägt, von der Elektromobilität zu erzählen.

Die Geschichte der Elektromobilität – Zukunft oder Fußnote?

Wenn einst die Geschichte der Elektromobilität geschrieben werden wird – vorausgesetzt, die Elektromobilität wird sich bei der Suche der Menschen nach Auswegen aus Verkehrskollaps, Ressourcenknappheit und mangelnder Nachhaltigkeit tatsächlich durchsetzen und nicht, aufgrund irgendeiner genialen Erfindung, die wir 2018 noch nicht auf dem Schirm hatten, als Fußnote einer ganz anderen Geschichte entpuppen – dann wird es auch den Kampf alter Akteure gehen, die nach neuer Relevanz suchen. Wer redet heute noch von der Daguerrographie? Wer von Gaslaternen? Wer vom Lichtdruck? Sie alle waren Meilensteine der Technikgeschichte, die während der industriellen Revolution zukunftsweisend schienen, später aber von anderen Technologien abgelöst wurden. Wer heute noch State of the Art definiert, kämpft morgen schon wieder um Relevanz.

VOLVO – der Elch unter den Dinosauriern

Ohne Moss nichts los: Bei VOLVO gehen Verlässlichkeit und Vision Hand in Hand. Bildquelle:  pixabay.comOhne Moss nichts los: Bei VOLVO gehen Verlässlichkeit und Vision Hand in Hand. Bildquelle:  pixabay.com

Ein solcher Dinosaurier ist Volvo. Volvos gelten als verlässlich. Volvos haben ihre Fans, vornehmlich Familien auf der Suche nach einem geräumigen, wenig wartungsanfälligen Transportmittel. Eins sind Volvos nicht: cutting edge. Oder doch?

Die Wochenzeitung ZEIT schildert in einem sehr langen Lesestück, wie sich das schwedische Autohaus mit Hilfe des chinesischen Milliardärs Li Shufu, der sich beim Autokonzern Daimler eingekauft hat, „in ein elektrisches Autohaus verwandeln“ will. Hinter der etwas kuriosen Formulierung steckt die Erkenntnis, dass Verbrennungsmotoren der Vergangenheit angehören und dass die Zukunft der Elektromobilität zu gehören scheint.

Unter dem Titel „Die lautlose Revolution“ porträtiert die ZEIT Volvo auf seinem Weg und nennt es „Eine Geschichte über Mut.“.

Volvos Ausgangslage, sowohl in Schweden als auch in China

  • „Nirgendwo verkauft Volvo inzwischen so viele Autos wie in China, rund 115.000 waren es im Jahr 2017. […] Der Konzern hat bekannt gegeben, vom kommenden Jahr an nichts mehr in Verbrennungsmotoren zu investieren. Benzin- und Dieselautos werden weiterhin gebaut und verkauft, aber jedes neu eingeführte Modell soll einen Elektromotor haben. […] Volvo geht es gut. Die Zahl der verkauften Autos ist im vergangenen Jahr auf weltweit fast 580.000 gestiegen, der Gewinn auf 1,4 Milliarden Euro, mehr denn je zuvor. Volvo könnte einfach so weitermachen. […] Mutig ist es, sich in eine elektrische Revolution zu stürzen, lange bevor irgendeine Barrikade brennt.“

Die Entscheider: Håkan Samuelsson und Li Shufu

  • „Håkan Samuelsson, der Volvo-Chef aus Schweden. Ein knorriger Mann steht da in Hemd und Sakko, ohne Krawatte. […] Er ist schon 66. Für Samuelsson wird es zu einer Frage seines Lebenswerkes, ob die elektrische Revolution gelingt.“
  • „Der andere entscheidende Mensch ist ein Chinese mit einem runden Kopf. […] Ende Februar wird Li Shufu in Deutschlands Autoindustrie viel Wirbel verursachen und sich danach im Kanzleramt persönlich vorstellen“

Chinas Elektroauto-Quote

  • „Kurz zuvor hatte die [chinesische] Staatsregierung eine Quote angeordnet: Große Autohersteller müssen vom Jahr 2019 an zehn Prozent Elektromobile bauen. […]

Der Grund?

  • „In China muss sich schnell etwas ändern, sonst werden die Umweltprobleme unüberwindbar. Schon heute haben 160 Millionen Chinesen ein Auto, 300 Millionen einen Führerschein. Niemand zweifelt daran, dass die chinesische Regierung ihre Ziele durchsetzen wird.“

BRUMM-BRUMM oder die „Ära der Geräusche“

Im Text finden sich immer wieder schöne Bilder wie dieses, das die „lautlose Revolution“ mit dem kindlichen „BRUMM-BRUMM“ kontrastieren:

  • „Der Forschungschef musste mit einem Mal lächeln, wenn er seinen dreijährigen Sohn zu Hause mit einem Auto spielen sah. Der Junge ahmte das Aufjaulen eines Verbrennungsmotors nach, und der Vater sagte sich: Bald werden wir die Ära der Geräusche überwunden haben.“

Warum europäische Luxusschlitten reiche Chinesen kalt lassen

Oder dieses, das die kulturellen Unterschiede zwischen dem Europäer und dem Asiaten anhand der Ausstattung des Fahrzeuginnenraumes thematisiert:

  • „Der Chinese wunderte sich, warum sich die Schweden so viel Mühe damit geben, ein Auto vorne edel auszustatten, dort, wo der Fahrer und der Beifahrer sitzen. Warum dieses aufwendige Holzdekor im Cockpit? Für wen? In China lässt sich ein Mensch, der sich einen Volvo leisten kann, niemals zum Fahrer oder Beifahrer degradieren. Er sitzt im Fond. Er will seine Beine ausstrecken, es bequem haben und die Welt von hinten betrachten. Er benötigt einen flimmerfreien 17-Zoll-Monitor, eine Fernbedienung und eine gepolsterte Beinstütze. „Håkan, das ist nicht schön hinten“, habe der Chinese gesagt. So erinnert sich der Schwede an das Gespräch. Er weiß auch noch, dass er einen seiner Gedanken nicht aussprach: "Hinten sitzen doch nur Kinder und Hunde."

VOLVOs XC60 T8: scheitert die elektrische Revolution?

Natürlich geht es auch um Volvos Elektroautos selbst:

  • Mal ausprobieren, am besten mit einem elektrischen Volvo. Noch gibt es so einen Wagen nicht, das wird sich erst im kommenden Jahr ändern, aber es gibt Hybride, Mischlinge. Der XC60 T8 ist so einer, ein Wagen mit einem Elektro- und einem Benzinmotor. […] Auf der Autobahn, bei Tempo 120, rollt der Wagen sanft vor sich hin, aber die Batterie zeigt starke Verluste an. […] Spricht das nun gegen die elektrische Revolution?“

Vom Höcksken aufs Stöcksken oder vom VOLVO zum Elch

Die Großartigkeit des Textes besteht auch darin, dass er vom Hundertsten ins Tausendste kommt und doch immer am Thema bleibt: so geht es um Volvofahrer in Deutschland, „Erdkundelehrer, Geschichtsprofessoren und Zeitungsredakteure – Menschen, die mit einem passenden Auto ihr Gewissen beruhigen wollen.“ und gleich anschließend um Elche:

  • „Ein Volvo ist wie ein Elch. Niemand hat etwas gegen ihn. Auf drei Kontinenten ist der Elch verbreitet, sogar in China, meist in unwegsamen Gegenden, und deshalb trifft man ihn nicht besonders oft. […] Dass Tausende Elche zugrunde gehen, liegt vielen Forschern zufolge an der Erwärmung der Erde, auch an den Abgasen der Autos. Wenn automobile Elche nichts mehr ausstoßen, was dem Klima schadet, können sie den echten Elchen das Leben retten.“

„Die lautlose Revolution“ gibt es bei ZEIT online; um ihn lesen zu können, muss man sich lediglich mit einer E-Mail-Adresse registrieren.

Gute Lektüre und ein schönes Wochenende wünscht – eine ELEKTROFAHRRAD24-Bloggerin aus dem Volvoghetto! ;)


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