Geteiltes Bike, doppeltes Leid: Leihfahrräder verstopfen die Städte

08.12.2017 15:06

Leihfahrräder-Schrottplatz. Bildquelle: Imaginechina/REX/Shutterstock (8881907b) via flickr/Public Domain Mark 1.0

Auf den ersten Blick gleicht die Szene einem abstrakten Gemälde oder der Nahaufnahme von irgendwas aus bunter Wolle Gestricktem. Die Wirklichkeit ist erschreckend: tatsächlich handelt es sich um eine gigantische Fläche stillgelegter Mietfahrräder. Fotografien wie diese, zum Teil noch viel krassere (z. B. eine Fotostrecke von mitten im Stadtbild sich surreal auftürmenden Radruinen), begleiten derzeit eine ganze Reihe von Artikeln, die eine zur Dystopie verkommenen Utopie kritisieren: die Sharing Economy, insbesondere in ihrer Ausprägung als Fahrradverleih.

Dockinglose Leihfarräder: Freiheit oder Anarchie?

Egal ob Xiamen, Manchester oder Washington, DC: überall scheint das zunächst als Rettung für den Verkehrskollaps der Städte gepriesene Experiment der dockinglosen Leihfahrräder gescheitert. Hierbei können Fahrräder mittels einer App geliehen und nach Gebrauch an einem x-beliebigen Ort in der Stadt wieder abgestellt werden.

Journalistin Helen Pidd war anfänglich stolz, als das chinesische Unternehmen Mobike ausgerechnet das nicht gerade einen glamourösen Ruf genießende Manchester auserkoren hatte, um die Stadt mit 1.000 neuen, silbern und orange leuchtenden Leihfahrrädern auszustatten, deren Nutzung gerade mal 50 p je halbe Stunde kostete. Endlich war man mal cooler als die hochnäsigen Londoner, deren hauptstädtisches Leihfahrradsystem immer noch die nervige Suche nach einer Leihstation mit sich brachte.

Zwei Wochen später, und Pidd ist selbst genervt. Der bisweilen als rau charakterisierte Menschenschlag der Nordengländer scheint das Prinzip des Leihens nicht so ganz verstanden zu haben. Nicht nur, dass die Fahrräder hinter irgendwelchen unüberwindbaren Zäunen stehen, wenn man den Hinweisen der App folgt – nein, sie sind im Kanal gelandet, in öffentlichen Mülltonnen, und die als unzerstörbar geltenden GPS-Tracker und Schlösser wurden binnen kürzestem vandalisiert.

Mobike gibt sich noch versöhnlich, spricht von „Missverständnissen“, gibt aber auch zu, dass es ein krasses Ungleichgewicht zwischen bereits fünfzig zerstörten Rädern in Manchester und gerade mal zwei zerstörten Schlösser in Singapur gebe, wo gleich 5.000 Fahrräder bereit gestellt wurden. Pidd fasst es mit britischem Galgenhumor zusammen: „Ich möchte nicht in einem Land leben, wo man für Graffitis öffentlich gezüchtigt wird, aber ich würde gerne in einer Stadt leben, wo die Leute wissen, wie man teilt.“

Der Fluch des Gemeinwesens oder: Wenn Radfahrer zu Vandalen werden 

Der Washingtoner Journalist Dominic Rushe sieht die Probleme nur als Konsequenz dessen, was passiert, wenn Technologie gepaart mit guten Absichten auf die Wirklichkeit treffen. Er unterteilt die, die schöne Idee in den Schmutz ziehen, in zwei Gruppen: die Fahrradfahrer und die Vandalen. Eines haben sie beide gemeinsam:

Wenn hinter jeder Ecke ein neues Rad wartet, hören die Leute auf, pfleglich mit den einzelnen Rädern umzugehen. Das Verhalten ist sogar wissenschaftlich untersucht: Utteeyo Dasgupta, ein New Yorker Dozent für Wirtschaftswissenschaften, nennt es die „Tragödie des Allgemeinguts“, die besagt, dass Nutzer einer gemeinsamen Ressource diese so nutzen, dass sie der Ressource und damit Anderen und letzten Endes auch sich selbst schaden.

Bei einem anderen Problem geben die Leihfirmen sich kooperativ: es sei in ihrem ureigenen Interesse, wenn nicht ganze Stadtbilder mit einzelnen oder massenhaft herumstehenden Fahrrädern übersät sind. Falschparker werden zunächst mit höheren Gebühren und letztendlich mit einer Sperre belegt. Aber gegen die schiere Dummheit menschlicher Zerstörungslust ist noch keine App gewachsen.

Bergeweise Fahrräder: Turbokapitalismus in Reinform

In China frisst die Revolution bereits ihre Kinder. Auf Shanghais Straßen gibt es 1,5 Milliarden Mieträder. Könnte es sein, dass es mehr sind, als Bedarf besteht? Verstopfte Gehwege und Cluster ineinander verkeilter Fahrräder brachten jüngst die Einwohner der chinesischen Stadt Hangzhou derart auf, dass die Stadtverwaltung 23.000 Fahrräder auf 16 gigantische Deponien verteilt entsorgen musste. Ähnliche Bilder aus Xiamen sollte man unbedingt einmal gesehen haben, um das Unglaubliche zu glauben.

(Ob dasselbe auch mit höherpreisigen eBikes passiert wäre, ist zwar nur eine Randfrage, aber eine durchaus legitime.)